erweiterte Suche
Montag, 08.05.2017

Wer wird hier umgevolkt?

Michael Wildt erklärt, warum die AfD einen Begriff vom Volk wiedereinführen will, der aus der Zeit des Dritten Reichs stammt.

Von Bodo Morshäuser

Wer ist das Volk? Niemals alle. „Wir sind das Volk“, rief 1989 eine Minderheit. „We the people of the United States“, heißt der Einstieg in die US-Verfassung – und doch durften Schwarze noch 150, Frauen noch 100 Jahre nicht wählen. Ist ein Volk erst ein Volk, wenn es über alle Fragen selbst entscheidet, wie im antiken Griechenland, oder kann ein Volk sich von Parlamentariern vertreten lassen? Und was ist mit Mischformen zu halten wie in den USA, wo ein direkt gewählter Präsident mehr oder weniger von Parlamenten kontrolliert wird?

Der Begriff „Volk“ schließt die einen ein und die anderen aus. Sind russisch sprechende Ukrainer Russen? Wer das Volk ist, das war immer schon umkämpft. Definiert sich „Volk“ über Staatsbürger, Inhaber eines Passes, oder besteht ein Volk aus Kultur- und Abstammungsgleichen, die dieselbe Sprache sprechen, auch wenn sie nicht im selben Land leben? Entscheidet der Pass oder das Blut?

All diese Fragen versucht nun der renommierte deutsche Historiker Michael Wildt von der Berliner Humboldt-Universität zu klären. Im Hauptteil handelt sein lehrreiches, einem Schnellkurs gleichendes Buch „Volk, Volksgemeinschaft, AfD“ jedoch von der Alternative für Deutschland. Die Ziele dieser Partei, so Michael Wildt, seien immer dann am klarsten zu erkennen, wenn sie vom Volk spricht. Ob da von „Umvolkung“ die Rede ist oder vorgeschlagen wird, den Begriff „völkisch“ urteilsfrei gebrauchen zu dürfen: Angestrebt wird ein homogenes Volk. Die AfD will das Abstammungsprinzip oder Blutrecht im Staatsbürgerrecht wiedereinführen. Mit dem NS-nahen Staatstheroretiker Carl Schmitt heißt das, das Gleiche soll gleich behandelt werden und, im Umkehrschluss, das Ungleiche, nämlich jene, die nicht deutscher Abstammung sind, soll ungleich behandelt, konkret: ausgesondert werden.

Reflexgeleiteten und oberflächlichen Kritikern der AfD rät Michael Wildt, diese Partei bei ihrem Volksbegriff zu nehmen. Sie versuche einen Begriff vom Volk wiedereinzuführen, der in der Zeit des Dritten Reichs galt. Wer die AfD überführen wolle, dürfe sich nicht auf Nebenschauplätzen verrennen, sondern müsse Politiker dieser Partei fragen, was sie mit denjenigen vorhaben, die in Deutschland leben, aber nicht in den Volksbegriff der AfD passen.

Die Lehre dieses knappen, aber überaus nützlichen Buches: Wer zum Volk gehört und wer nicht, wurde in der Vergangenheit stets ausgehandelt – vom Volk. Deswegen dürfe man der Antwort auf diese Frage heute nicht gleichgültig gegenüberstehen. Denn was heute gilt, muss nicht morgen gelten. Und was gestern galt, muss nicht überwunden sein.

Michael Wildt: Volk, Volksgemeinschaft, AfD.
Verlag des Hamburger Instituts f. Sozialforschung.
160 S., 12 Euro