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Freitag, 11.11.2016

Wer nicht hört, fühlt

Die Pegida-Demonstranten waren nur die Spitze eines Eisbergs, der schon die Parlamente schrammt.

Von Werner J. Patzelt

Der Politikwissenschaftler Werner Patzelt
Der Politikwissenschaftler Werner Patzelt

© Ronald Bonß

Es wird wohl nicht auf Dauer die Debatte hier austrocknen, dass ich den Aussagen Michael Bittners aus seiner letzten Kolumne rundum zustimme. Das betrifft sowohl Pegida als auch den Rassismus.

Pegida war anfangs wirklich vielschichtiger, als viele wahrhaben wollten. Verharmlost hat damals Pegida, wer sich zurechtdeutete, dort fänden sich nur jene Rechtsradikalen und Rassisten ein, mit denen unser Land durch Ausgrenzung und Abwehr leicht fertig werden kann. Weit unterschätzt hat Pegida, wer sich einbildete, es wäre kein einziges jener Probleme real, die von den Demonstranten – wie grob auch immer – angesprochen wurden. Richtig war hingegen die Forderung, genau hinzusehen und begründete Bürgersorgen von bloßen Albträumen oder böswilliger Polemik zu unterscheiden. Richtig war auch der Rat, sich an real problemlösende Politik zu machen, die jenem Vertrauensverlust gegenüber Staat, Eliten und Medien entgegenwirken kann, der weitverbreitet ist und bei Pegida nur besonders krass hervortritt. Weil aber so viele so lange diese Hinweise nicht einmal hören wollten, wurde Pegida einflussreicher denn je – nur eben unter dem Namen AfD.

Wer nicht hören will, muss eben fühlen – jetzt nämlich, dass die Dresdner Demonstranten nur die Spitze eines Eisbergs waren, der inzwischen in die Parlamente schrammt. Was bringt es eigentlich, eine Sache gerade nicht zu verstehen, mit der man sich politisch auseinandersetzen will?

Recht hat mein Kolumnenpartner auch mit seinen Aussagen über den Rassismus. Der beginnt dort, wo man Menschen nicht danach beurteilt, was sie sagen oder tun, sondern danach, wie sie aussehen – ganz gleich, ob durch Kleidung oder Hautfarbe. Rassismus ist nämlich die Überordnung des für „typisch“ Gehaltenen über jenes Individuelle, auf das man sich erst einmal neugierig einlassen muss, wenn man dem anderen nicht Unrecht tun will.

Also verharmlost den Rassismus, wer glaubt, der beginne erst mit der Abwertung des anderen. Nein, Rassismus beginnt bereits mit der Hintanstellung der Einzigartigkeit von Menschen, mit der Unterordnung des an ihnen ganz Persönlichen unter einen realen oder fantasierten „Typ von Andersartigkeit“. Lassen wir uns dazu nie wieder verleiten – ganz gleich, ob man „Menschentypen“ biologisch oder kulturalistisch imaginiert!

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