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Wenn Wörter einwandern

In der Sprache gilt wie in der Politik: Extremwünsche führen ins Verderben.

09.06.2017
Von Werner J. Patzelt

er einwandern
Werner J. Patzelt

© Ronald Bonß

Wann fühlt sich ein Wort fremd an? Wenn es, aus anderer Sprache gekommen, in einem Satz der eigenen Sprache auftaucht. Wie im Deutschen etwa „ejDo“. Das ist Klingonisch, meint „Raumschiff“ und wirkt außerhalb von Star Trek wie eine Burka im Erzgebirge. Nun müssen dem Teilchenphysiker auch solche Worte nicht fremd sein, die der Soziologe nicht kennt. Am besten beharrt keiner auf seiner Fachsprache, sondern passt sich der jeweiligen Sprachumgebung an. Es führte auch zu wenig Gutem, wenn jemand aus Tibet in Katalonien wie zu Hause reden wollte.

Gewiss können sich zugewanderte Wörter einbürgern. Etwa verfällt kein Deutscher in linguistische Xenophobie, wenn er auf Worte wie „Text“ oder „Fenster“ trifft, die aus dem Lateinischen stammen. Doch es wollten Schreibreformer die orthografische Assimilation bei den „Spaghetti“ bis zum Verlust des „h“ und beim „Portemonnaie“ bis zur aussprachegerechten Schreibung als „Portmonee“ treiben. War das nun Lust auf Zwangsgermanisierung oder bloßer Unfug? Etwa so, wie man heute Japanerinnen zu Oktoberfestzeiten ins Dirndl lockt? Doch freilich kann es sein, dass die vermeintlich verkleidete Asiatin dann schönstes Bayerisch spricht …

Umgekehrt scheint es auch so etwas wie den „sprachlichen Zierfremdling“ zu geben, das Prunkstück phonetischer Multikulturalität. Die Deutsche Bahn liebte „InfoPoints“, Unternehmensberater mögen die „cash cow“, und jeder schreckt davor zurück, das grammatisch teutonisierte „gerecycelt“ als „geriseikelt“ zu schreiben. Ob da etwas wie „linguistic submissiveness“ am Werk ist, also „sprachliche Unterwürfigkeit“ gegenüber einer imperialen Fremdsprache? Sozusagen umgedrehter „linguistischer Rassismus“, wohlmeinend praktiziert in der gutmütigen Haltung des braven Sklaven aus „Onkel Toms Hütte“?

Recht weit können also Gedanken treiben, die dem Nachsinnen über fremde Wörter und deren Nutzer entspringen. Sie legen nahe: Machtstrukturen und Redeweisen, Hingabebereitschaft und Behauptungswille, gesellschaftlicher Zusammenhalt und Sprachgebrauch hängen eng zusammen. Dabei Extremwünschen zu folgen, wird nichts Gedeihliches bringen. Zu beachten sind vielmehr Mischungsverhältnisse und deren Änderungsraten. Die gilt es mitzugestalten – ganz gleich, ob es ums Einwandern von Worten oder von Menschen geht.

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