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Dienstag, 15.08.2017

Wenn Jamben durch Verlage rinnen

Der Leipziger Thomas Kunst schreibt Gedichte außer Rand und Band. Auch ein alter Saporoshez kommt darin vor.

Von Michael Wüstefeld

Es gibt Kunstfertigkeit, Kunstgewerbe, Kunstfehler, und es gibt Kunst, Thomas, 1965 in Stralsund geboren, seit 1986 Leipziger. Er kann ein abgebrochenes Pädagogikstudium, eine Stelle als Bibliotheksassistent in der Deutschen Bücherei und gut ein Dutzend Veröffentlichungen vorweisen. Gern heißt es, Kunst und seine Lyrik seien Verkannte. Da sind Verkanntere bekannter. Immerhin hat Thomas Kunst mit dem Dresdner und dem Meraner Lyrik-Preis sowie dem Villa-Massimo-Stipendium schon wichtige Ehrungen für seine Gedichte erfahren. Nach einer branchentypischen Odyssee durch diverse Verlage versucht es nun Suhrkamp mit Kunst, was aufhorchen und genau lesen lässt.

Schon das erste Gedicht vereint vieles, was Kunsts Kunst ausmacht. Weit in die Ferne Gerücktes und weit Hergeholtes, kleine Unschärfen, gewollte Schrägheit zulasten genauer Formulierung. Vers vier und fünf heißt: „in der unteren Etage eines Kugelschreibers wurde die handfeste Stimmung auf den Feldern enthüllt“, etwas später folgt: „in der oberen Etage eines Kugelschreibers wurden die Fahrradgestelle knapp“. Auch wenn sich diese Phänomene in Malawi „an den Ufern des Chilva-Sees“ ereignen und wir so gut wie nichts von Malawi wissen, ahnen wir doch, dass sie AkteX-artig „jenseits der Wahrheit“ liege,n und fragen uns, „wie das wohl alles zusammengehört“. Auch springt uns schon auf der ersten Gedichtseite der Titel des Buches ins Auge. Von „Kolonien an Körpertemperatur / Unter den Manschettenknöpfen“ geht da die Rede, und uns ist sogleich „nach abgeflauter Zufriedenheit zumute“, denn das Bild hängt schief. Bekanntlich liegen „unter“ solcherart Knöpfen nichts als Manschetten. „Körpertemperatur“ findet andernorts statt.

Wer aber nach dem ersten Gedicht aufgibt, läuft Gefahr, die Höhepunkte zu verpassen. Da wären die „Hebebühne in Delitzsch-West“ oder das „Hunza Valley“, in dem man uralt werden kann, der Saporoshez SAS 966 von Herrn Dalewski oder die Schneekatastrophe auf Rügen von 1978, der Rülpsweltmeister Paul Hunn oder „Bessie, die SS-Mann werden wollte“, womit Thomas Kunst seinen US-amerikanischen Helden Donald Barthelme zitiert, der mit doppelbödigem Nonsens Erfolge feierte.

Auch die Briefe an seine Freunde Gaston Salvatore und Feridun Zaimoglu („Mein liebster Feri-San“) würde man versäumen, ohne etwas zu verpassen. Nicht überlesen sollte man, dass er bedauert, wenn „Jamben durch Verlage rinnen“. Was wirklich gut gesagt ist! Nicht zu vergessen die Kunst’sche Reimkunst „Die Dichter überleben Sprechartisten – / Sie täuschen, trauern, lösen Treffer aus / Wer jetzt nicht stirbt, behindert Bestenlisten / Betroffenheit ziert Nötigungsapplaus.“

Als Kunstfertigkeit kann der ebenso exzessive wie explosive Sprachgebrauch erkannt werden, der von Kalauer bis Kauderwelsch alle Register zieht. Das Kunstgewerbe äußert sich vor allem in der Komposition des Buches, die auf die Regel eines Sonettenkranzes zurückgreift, indem immer ein Vers, eine Zeile an das nächste Gedicht weitergereicht wird. Der Kunstfehler wäre der, dass die im Buch enthaltenen acht Sonette noch keinen „Kranz“ ergeben und alle anderen Texte zumeist weit ins Fach langer Erzählgedichte schweifen.

Wieder einmal erweist sich der altväterliche Spruch als wahr: „Es genügt nicht nur zu blasen, man muss auch auf die Noten gucken.“

Thomas Kunst: Kolonien und Manschettenknöpfe. Suhrkamp Verlag, 125 Seiten, 20 Euro

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