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Samstag, 02.07.2016

Wenn ein arroganter Dandy die Liebe verschmäht

Neu in der Semperoper: „Eugen Onegin“ als ergreifendes Drama in mitreißender Musik.

Von Jens Daniel Schubert

Triumphierend gibt Onegin (Christoph Pohl) der ihn liebenden Tatjana (Camilla Nylund) einen Korb. Später wird sie ihn zurückweisen – obwohl sie ihn liebt.
Triumphierend gibt Onegin (Christoph Pohl) der ihn liebenden Tatjana (Camilla Nylund) einen Korb. Später wird sie ihn zurückweisen – obwohl sie ihn liebt.

© Jochen Quast

Tatjana erinnert sich. Sie hat der Ehe wegen die Liebe ihres Lebens zurückgewiesen. In das Palais des Fürsten Gremin, ihres Gatten, schieben sich die Erinnerungen. Sie zeigen, wie alles begann mit dem Mann, der sie einst demütigend verschmäht hat: Eugen Onegin. Tschaikowskys gleichnamige Oper feierte als Fest der Musik und der Sänger am Donnerstag Premiere in der Semperoper. Das Publikum war begeistert, gab schon zwischendurch reichlich Szenenapplaus!

Durchweg schlüssig ist das Regiekonzept nicht. Manches lässt sich nachdenkend entschlüsseln. Viele gute, geradezu spannende Ideen bleiben in der Umsetzung auf der Strecke. Markus Bothe verantwortet die Inszenierung. Ihm gelingen überaus dichte Momente, insbesondere in den direkten Begegnungen der Figuren. Da sind, neben den großen Arien, die beiden Szenen, in denen Onegin beziehungsweise Tatjana dem jeweils anderen den überschwänglichen Liebesbrief zurückgeben. Spannend auch die Begegnung von Onegin mit Lensky zum Duell, das beide durchziehen. Dabei haben sie dessen Sinnlosigkeit erkannt. Schließlich erschießt Onegin den Freund, ohne hinzuschauen, als der sich gerade zum Einlenken durchzuringen scheint.

Tschaikowskys Ohrwürmer

Der Umgang mit größeren Figurenensembles und dem Chor bleibt zu wenig konkret, zu wenig konsequent. Als Bild abstoßender Provinz, wenn ein Bauer zum Gaudi der anderen als Mädchen tanzen muss oder Triquet als Provinz-Stripper aus der schäbigen Papptorte steigt, funktionieren sie nur, wenn der dramaturgische Grund der Szene genau bedacht und einstudiert ist. Trotz einer Choreografin sind viele Aktionen nur ungefähr, ein „so tun als ob“. Eine klarer strukturierte, abgestimmte Spielweise ließe auch die Konflikte, die etwa Tatjana wie Onegin mit der kleinkariert-gleichförmigen Welt des armen Landadels haben, deutlicher werden. Es ließe sich besser verstehen, warum sich Tatjana ausgerechnet zu dem distanziert-arrogant auftretenden Onegin hingezogen fühlt. So bleibt vieles offen, dem Vorwissen und Nachgrübeln des Zuschauers überlassen.

Das Bühnenbild von Robert Schwerer nutzt die beeindruckende Bühnentechnik, indem er immer andere Erinnerungsstücke in den fürstlichen Saal hineinfahren lässt. Da sieht man, mitten im fürstlichen Saal, Traktor und Heuballen, dann ein Bücherregal, in dem Tatjana sogar schläft, oder eine Industriebrache mit kahlem Baum im Schneefall für das Duell.

Leider erkennt man den Saal von Gremin erst im letzten Akt als solchen und erlebt erst hier, dass diese heil gefügte Welt mit dem Auftritt Onegins aus den Fugen gerät. Das sind eindrückliche Bilder, die manch Irritierendes der vorhergehenden Akte nachträglich in einen Zusammenhang setzen. Die Kostüme von Esther Geremus illustrieren die Geschichte, legen weder Zeit noch Ort fest und mischen sich auch sonst nicht in die Geschichte ein.

Dies ist auch der größte Vorteil der Inszenierung, deren Merkwürdigkeiten man so gerne übersieht. Sie lässt Platz für Tschaikowskys Musik, die sich wie ein Ohrwurm in die Hirnwindungen bohrt, die als Stimmungen und Farben um wiederkehrende, eingängige Melodien blüht, die die Geschichte und ihre Emotionen trägt.

Auch schöne leise Klänge

Pietari Inkinen dirigiert die Staatskapelle, lässt sie all ihre Klangvielfalt ausleben und führt Bühne und Graben gut zusammen. Die Sänger sind sicher aufgehoben, nur selten gibt das Orchester ein wenig Zuviel an Volumen. Der Staatsopernchor und die kleineren und mittleren Partien können sich bestens hören lassen. Christoph Pohl gibt die Titelpartie schön im Klang, musikalisch sicher und spielerisch differenziert. Er steigerte sich am Premierenabend bis zum packenden Finale. Camilla Nylund ist eine Tatjana, der mädchenhafte Naivität fehlt, die sich zu einer starken Frau entwickelt. Mit einer eindrucksvollen Leistung eroberte sie die Herzen der Zuschauer im Sturm. Vom Figurencharakter völlig verschieden, in der Qualität von Darstellung und Gesang aber ebenso begeisternd, war die Olga der Anke Vondung. Ihr Verehrer, der Poet Lenski, bekommt als Figur in dieser Inszenierung kein Profil. Dafür singt Tomislav Mužek umso betörender. Mit nur einem Auftritt, voluminöser Stimme und der vielleicht bekanntesten Arie der Oper „Ein jeder kennt die Lieb auf Erden“ setzt Alexander Tsymbalyuk dem hervorragenden Solistenensemble das Sahnehäubchen auf.

Das Premierenpublikum im Semperbau bejubelte lange die Mitwirkenden und schloss auch das Inszenierungsteam in die allgemeine Begeisterung ein.

wieder am 2., 6. und 9. 7. sowie 30. 8., 1. und 4. 9.; Kartentel. 0351 4911705

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