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Mittwoch, 11.01.2017

Wenn die Neurosen blühen

„Die Blumen von gestern“ ist eine forsche Komödie, die den Holocaust unverkrampft wie glaubwürdig aufarbeitet.

Von Andreas Körner

Holocaust-Forscher Totila Blumen (Lars Eidinger, l.) ist genervt von der französische Studentin Zazie, die ihm als Praktikantin assistieren soll. Vor allem, weil sie mit seinem Chef Balthasar Thomas (Jan Josef Liefers) ins Bett geht.
Holocaust-Forscher Totila Blumen (Lars Eidinger, l.) ist genervt von der französische Studentin Zazie, die ihm als Praktikantin assistieren soll. Vor allem, weil sie mit seinem Chef Balthasar Thomas (Jan Josef Liefers) ins Bett geht.

© Verleih

In einigen Momenten atmet diese forsche Komödie tiefen Ernst. Das muss so sein! Wegen der Erdung! In anderen Momenten spart sie beileibe nicht mit zotigen Elementen. Jedoch selbst das sei Regisseur Chris Kraus ausdrücklich erlaubt. Denn „Die Blumen von gestern“ drängen ans Licht und an die Luft.

Auch Chris Kraus, Schöpfer von „Scherbentanz“, „Vier Minuten“ und „Poll“, spürte den Drang. Einerseits war ihm danach zumute, diesen ersten ernsten Filmen eine leichtere Tonart folgen zu lassen. Andererseits ist er das, was man im flüchtigen Jargon einen Betroffenen nennt. Wenn Kraus sagt, dass er Fenster für ein Thema aufreißen wollte, das ihn „seit Jahren herausfordert, das aber auch in übergroßem Gedenkverordnen die Dringlichkeit zu verlieren droht“, dann kommt es von Herzen.

Der Regisseur und Autor hatte vor 15 Jahren herausgefunden, dass sein Großvater nicht nur lieb und witzig, sondern Mitglied einer SS-Schwadron gewesen ist, die für die Tötung von Juden im Baltikum verantwortlich war. Kraus, der Enkel eines Täters! Einer mit der vagen künstlerischen Idee im Kopf, Opferenkel und Täterenkel „würden miteinander reden, lachen, miteinander schlafen, und für eine sehr lange, flüchtige Sekunde würde alles gut.“

Gut ist es wirklich nur flüchtig. Denn im Grunde zählen Totila und Zazie zu den Versehrten und Gestörten dieser Welt. Der anerkannte Holocaustforscher und die ihm zugeteilte französische Studentin werden gemeinsam unterwegs sein, sich jede Menge zu sagen und endlich nicht mehr so viel zu verschweigen haben wie ihre Eltern und Großeltern. Auch standhaft weggelogenen Tatsachen wollen sie sich stellen. Nur die Wege dorthin sind extrem verschieden.

Totila ist ein Getriebener im Anspruch, dem Holocaust mit noch dem letztmöglichen wissenschaftlichen Ansatz zu begegnen, und wird dabei vom Zwang nach Ab- und Aufarbeitung diktiert. Humor? Fehlanzeige! Positives Denken? Dafür wird er nicht bezahlt! Während die Kollegen im Archiv schon mal um Mercedes-Benz buhlen, um Sponsorengelder für einen Auschwitz-Kongress zu beschaffen, geht es Totila ausschließlich ums Erbe des gerade verstorbenen, in allen Belangen ehrbaren Chefs. Die Mittel allerdings künden nicht durchgängig von einem kühlen analytischen Kopf. Totila ist Affekthascher.

Zunächst scheint es, als wäre die Motivation für Zazies Praktikum nur in der Liebesbeziehung zum neuen Archivdirektor Balthasar Thomas begründet. Doch Zazie hat einen Plan, und mit Affekten kennt sie sich aus. Die Großeltern von ihr und Totila waren zusammen in einer Klasse am Deutschen Gymnasium Riga. Zazies Oma wurde vergast, Totos Opa zum Massenmörder.

Von Nüchternheit ist auch bei Zazie nichts zu spüren. Herzhaft überdreht, mit vorzüglich gebrochenem Deutsch und viel Bauch statt Kopf setzt sie an, um Totila zu überwältigen. Sie schwärmen aus, um eine alles andere als humorfreie Shoah-Überlebende zu treffen, verpassen in Wien einen Zeitzeugen nur knapp, stellen sich in Lettland dem Ort des privaten Dilemmas und, wieder in Deutschland, den Blumen von heute, die vor allem Neurosen sind.

Im Beschreiben entzieht sich dieser Film den Eindeutigkeiten. Irgendwo stand, er sei eine „Holocaust-Komödie“. Ist er natürlich nicht! Eine Rechts-Vorlage sowieso nicht! Dafür ein Werk, das frei von Krampf und aufgesetzter Despektierlichkeit Denkzwischenräume weitet und seinen Charakteren mit zärtlichem Blick begegnet.

Fehlender Krampf meint, dass Chris Kraus sein Thema nicht mit dem Faustkeil behauen will, um partout „anders“ zu sein als Kollegen zuvor. Dass er mit tragikomischen Elementen umzugehen weiß und sich nicht davor scheut, daneben und in Näpfe zu treten. Kraus schickt seine Schauspieler und Schauspielerinnen in ein weit abgestecktes Terrain, hat mit Lars Eidinger und Adéle Haenel ein feinstimmiges Pärchen gefunden sowie mit Sigrid Marquardt einer wahrhaft göttlichen Theater-Dame ihre letzte Rolle gegeben und wollte auch auf Jan Josef Liefers, Hannah Herzsprung und Rolf Hoppe nicht verzichten.

Dass sich einige Dialoge einigermaßen unangespitzt in aufbereitetes Terrain rammen, andere selbst in ihrer Verzichtbarkeit noch unterhaltsam weghören und dass man über „Die Blumen von gestern“ auch kopfschüttelnd streiten mag, ist alles andere als ein Makel. Alles wird dadurch persönlicher. Und relevant.