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Donnerstag, 08.12.2016

Wenn die Chemie stimmt

Im Erzgebirge, wo sich die Museumsdichte in Grenzen hält, gehen die Kinder zu den Künstlern direkt ins Atelier.

Von Johanna Lemke

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„Schneemann gewalzt“, nennt die kleine Clara ihre Arbeit. Wer fertig mit seiner Kunst ist, hängt sie auf, um dann sofort die nächste zu gestalten.
„Schneemann gewalzt“, nennt die kleine Clara ihre Arbeit. Wer fertig mit seiner Kunst ist, hängt sie auf, um dann sofort die nächste zu gestalten.

© kairospress

  • „Schneemann gewalzt“, nennt die kleine Clara ihre Arbeit. Wer fertig mit seiner Kunst ist, hängt sie auf, um dann sofort die nächste zu gestalten.
    „Schneemann gewalzt“, nennt die kleine Clara ihre Arbeit. Wer fertig mit seiner Kunst ist, hängt sie auf, um dann sofort die nächste zu gestalten.
  • „Schneemann gewalzt“, nennt die kleine Clara ihre Arbeit. Wer fertig mit seiner Kunst ist, hängt sie auf, um dann sofort die nächste zu gestalten.
    „Schneemann gewalzt“, nennt die kleine Clara ihre Arbeit. Wer fertig mit seiner Kunst ist, hängt sie auf, um dann sofort die nächste zu gestalten.

Feste kurbeln muss Clara, damit sich die Rolle dreht. Und wie wird daraus jetzt das Bild? Fragende Kinderaugen. Siehe da: Auf der einen Seite rutscht das Papier in die Presse, auf der anderen kommt ein Weihnachtsmann heraus. Fertig, sagt Clara.

An der Ateliertür von Ramona Markstein hängen heute bunte Luftballons. Damit die Kinder sehen, wo sie hinmüssen. Wäre vielleicht gar nicht nötig gewesen, die sieben kennen sich aus in dem kleinen Häuschen mit Bullerofen. Sie stiefeln wie selbstverständlich hinein, bedienen sich an den Farbflaschen, verteilen Rot, Grün und Blau auf den Rollen und pressen die Pappkarten auf die gefärbten Moosgummi-Vorlagen. Selten hat man sieben Vorschulkinder auf einen Haufen so konzentriert und ruhig arbeiten sehen – ohne dass jemand für Ordnung sorgt. Ramona Markstein steht in aller Seelenruhe an der Walze.

Normalerweise malt sie Porträts und Landschaften aus Acryl und Gouache, fertigt Holz- oder Linoldruck, sie erfindet Collagen aus Fotos und Malerei. Ein wuseliges, gemütliches Atelier in einem kleinen Hexenhäuschen im Hof ihres Elternhauses, in dem sie auch wohnt – in ihrem Geburtsort Hartenstein. Hier, im Erzgebirge, wo sich der Dialekt der Menschen durch ihre Sätze streichelt und sich die Hügel sanft in die Landschaft buckeln. Sie ist eine dünn besiedelte Gegend zwischen Chemnitz und Zwickau, das nächste Museum ist zu weit weg, um mal eben rüberzufahren. Aber dafür gibt es die Künstlerin im Ort, und so kommen seit einer Weile regelmäßig Kindergartenkinder zu Ramona Markstein ins Atelier, um mit ihr „einfache Drucktechniken“ zu lernen. Und manch anderes.

Umsonst macht Ramona Markstein das nicht, auch eine Künstlerin auf dem Land muss von etwas leben. Finanziert wird die Stunde bei der Malerin über das Projekt „Jeder Kita einen Künstler“ vom Netzwerk Kulturelle Bildung im Kulturraum Vogtland-Zwickau. Schon im dritten Jahr verkuppelt Annett Geinitz Kinder mit Malern, Musikern oder Darstellern. „Es geht um die Begegnung mit den Künstlern vor Ort“, sagt Geinitz, die heute auch in Ramona Marksteins Atelier gekommen ist. Mal schauen, wie es läuft.

Es läuft prima. Clara walzt Schneemann um Schneemann, Pepe ist angetan von dem Nudelholz, mit dem man das Papier auf die gefärbten Schablonen presst. Mira nimmt am liebsten Rot. „Willst du mal eine andere Farbe, Mira?“ fragt Susan Schelenz, die Kita-Erzieherin. Mira guckt lächelnd, wartet ab – und bleibt doch lieber bei Rot. Mit der Sprache ist es noch schwer, Mira ist erst vor zwei Monaten aus Syrien gekommen. Das Deutsch wird besser, aber zwischen Farbtuben und Druckpressen muss man mal nicht reden, was Mira sichtlich entspannt.

Die Kinder probieren mit Schnüren, Schablonen und Korken herum. Ein Wollfaden zwischen Blatt und Presse ergibt eine lustige Schlange. Mit Korken kann man stempeln. Ein Stück Spitze in die Farbe gedrückt? Sieht aus wie eine Gardine.

Das hier ist mehr als eine Bastelrunde, es ist ein Raum für viel Kreativität, der sich im normalen Kita-Alltag selten ergibt. Es muss ja nicht gleich Kunst sein – die Berührung damit, was eine Künstlerin so macht, reicht vielleicht zunächst.

Es würde nichts bringen, Menschen auf dem Land hochtrabende Künstler aus der Großstadt vorzusetzen, meint Annett Geinitz. In ihrem Projekt ist die Hemmschwelle bewusst niedrig gesetzt. Ramona Markstein kannte viele der Kinder schon – ihr Sohn ist in der gleichen Kita-Gruppe. Die Künstlerin greift nur selten ein. Sie lässt die Kinder einfach machen, und immer neue Bilder kommen zum Trocknen an die Leine. „Können wir auch einen Handabdruck machen?“ fragt Pepe jetzt. Seine Hand bleibt nicht die Einzige – am Ende sind sieben von vierzehn Kinderhänden gefärbt und einige Eltern können sich auf im wahrsten Sinne des Wortes handbedruckte Weihnachtskarten freuen.

Die Bewerbungen für die nächste Förderphase in dem Programm laufen schon, erzählt Annett Geinitz. Sie kann gar nicht aufhören zu schwärmen, was für tolle Symbiosen zwischen Kitas und Künstlern sich schon ergeben haben. „Anfangs dachten viele Kitas, wir würden gern mitmachen, aber wir haben ja keine Künstler bei uns vor Ort. Zu zeigen, dass es die sehr wohl gibt, auch das ist unser Job“, sagt Geinitz. Im ländlichen Raum sind für Künstler die Bedingungen zwar meistens gut – wenig Miete, viel Ruhe –, aber die Aufmerksamkeit mitunter gering. „Jeder Kita einen Künstler“ setzt ganz unten an, es will Kunstschaffende in der Region etablieren. Und Kindern ermöglichen, echte Künstler kennenzulernen. „Wenn die Chemie stimmt“, verspricht Geinitz, „dann verlieren die sich hinterher nicht aus den Augen.“

Inzwischen sind im Atelier von Ramona Markstein die Blanko-Karten aus. Alle vollgedruckt mit Weihnachtsmännern und Festtagswünschen. Pepe ist ein bisschen sauer, weil eine seiner Hände durch einen Schneemann überdruckt wurde. Das klärt sich aber schnell.

Annett Geinitz und Ramona Markstein säubern noch ein paar bunte Kinderhände mit einem Feuchttuch. Dann ist die Zeit schon rum – für den Weg gibt es noch einen Apfel aus dem Garten. Und die Kinder zotteln den Hügel hinunter, zum Mittagessen in der Kita.

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