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Samstag, 29.07.2017

Wenn der Teufel den Steuereintreiber holt

Zittau zeigt, warum die Reformation in der Oberlausitz „ganz anders“ war.

Von Silvia Stengel

Prachtvolles Denkmal für einen Zittauer: Der war Stadtrichter und Steuereintreiber.
Prachtvolles Denkmal für einen Zittauer: Der war Stadtrichter und Steuereintreiber.

© Wolfgang Wittchen

Geschnitzte Palmen, goldene Früchte und Engelsgesichter umranken ein Gemälde auf Kupfer. Es zeigt einen Zittauer Stadtrichter mit seinen beiden Frauen und Kindern neben Jesus. So gedachten die Zittauer vor 300 Jahren ihrer Lieben. Das Epitaph, ein vier Meter hohes Denkmal, gehört nun zu den Prachtstücken einer Ausstellung, die sich der Reformation widmet und am Sonntag in Zittau öffnet. Und gerade diesem hier, das dem Stadtrichter Johann Christian Meyer gewidmet ist, hängt eine Sage an. Er soll vom Teufel geholt worden sein. Kein Wunder: Zu den Aufgaben von Meyer zählte die Einnahme von Steuern, und das machte ihn äußerst unbeliebt.

Das Grab von ihm in der Zittauer Kreuzkirche zeigt auf der Platte einen Einschluss, der einer Teufelskralle ähneln soll. Jede Nacht um zwölf erhebt er sich aus seinem Grab und jagt auf einem Wagen durch die Straßen der Stadt, heißt es in der Sage „Der tolle Junker zu Zittau“. Wer ihn erblickt, ist dem Tode verfallen. Davon erzählt das Epitaph zwar nichts. Aber sonst lässt sich einiges von solchen Denkmalen ablesen.

Über 80 Epitaphe gibt es in Zittau. Ein Großteil ist nun in der sanierten Klosterkirche zu sehen. Auf vielen Denkmalen sind die Berufe ablesbar. Bei einem Schneider werden drei Scheren im Dreieck gezeigt. Ein Bild vom jüngsten Gericht ähnelt einer Karikatur. Eigenschaften wie Geiz oder Eitelkeit sind dargestellt. Und Zauberei, mit nackter Hexe auf einem Ziegenbock.

900 Flüchtlinge, 6 000 Einwohner

Vor allem aber zeigt die Schau, dass die Reformation „Ganz anders“ in der Oberlausitz war, so ist auch ihr Titel. Es gibt viele Beispiele, wie Religionen friedlich nebeneinander existierten. Noch heute zeugt davon der Dom in Bautzen, den sich Katholiken und Protestanten teilen. Und Zittau nahm 1640 rund 900 Glaubensflüchtlinge aus Böhmen auf – bei insgesamt 6 000 Einwohnern. Die Brüderunität „konnte in Herrnhut ganz neue Ideen entwickeln und dann in die ganze Welt tragen“, sagt Zittaus Museumsdirektor Peter Knüvener.

Die Zittauer waren im 16. und 17. Jahrhundert viel in der Welt unterwegs. Einige Mitbringsel liegen in der „Wunderkammer“ des Museums. Besonders auch: „Hier ging die Reformation von den Bürgern aus“, so Knüvener. Sie waren auf einem hohen Bildungsstand und interessierten sich sehr für fortschrittliche Ideen.

Luther war zwar nie in der Oberlausitz. Eine originale Handschrift gibt es aber von ihm in der Ausstellung: ein Hochzeitsglückwunsch an Nikolaus Specht, Schulrektor in Bautzen. Der Brief von 1538 kommt aus Münster. Dazu werden Bibeln, Grafiken und Gemälde aus Städten wie Herrnhut, Görlitz, Bautzen und Kamenz ausgestellt. Dresden liefert einen Kristallbecher aus dem Grünen Gewölbe, ein Geschenk von Martin Luther, das 260 Jahre in Zittau war und zum Pokal umgestaltet wurde, deswegen heißt er jetzt „Lutherpokal“.

Der Reformator Philipp Melanchthon immerhin war in Bautzen, die Zittauer hatten auch Verbindungen nach Zürich. Für die Malereien auf den Epitaphen holten sie sich gern einen Künstler aus Prag. Wer mit wem verbunden war, erklärt die Schau.

Das hat rund drei Millionen Euro gekostet: die sanierte Klosterkirche, die restaurierten Epitaphen und die Ausstellung. Beteiligt sind unzählige Förderer vom Bund bis zum Zittauer Privatmann. Die Epitaphenschau in der Kirche bleibt. Und auch das zeugt wohl vom friedlichen Nebeneinander in der Region: Ein Teil der Kirche wird noch für Gottesdienste genutzt.

Umziehen muss allerdings das Epitaph vom Stadtrichter Meyer mit der Teufelssage, aber erst im Januar. So lange läuft die Ausstellung. Danach kommt es wieder in die Kreuzkirche, wo es einstmals hing. Und vielleicht findet sich bis dahin auch ein Wappen, das die untere Engelsfigur gehalten hat. Dazu will Knüvener einen Aufruf starten. „Das hat sicherlich noch jemand zu Hause“, vermutet er. Das ist nicht ungewöhnlich. Die Teile waren überall verstreut. Die meisten Epitaphe hingen um 1750 in den Kirchen der Stadt. Im 19. Jahrhundert wurden viele entsorgt. Das Denkmal für den Stadtrichter hatte noch bis in die frühen 1980er-Jahre seine Heimstatt in der Kirche und kam dann ins Magazin des Museums. Es war „ganz schwer geschädigt“, berichtet Peter Knüvener. Wie ein solches Epitaph in Einzelteilen aussah und wie es mühevoll restauriert wurde, auch das zeigt die Schau.

Nur beim Zittauer Stadtrichter, da muss der Restaurator noch einmal ran. Nicht unten an das Engelskind, dem ein Arm fehlt. Sondern an die geschnitzte Umrandung. Ein Stück vom Palmenwedel ist abgefallen, einfach so. Wäre das vor 300 Jahren passiert, wäre die Teufelssage wohl fortgeschrieben worden.

Ausstellung „Ganz anders. Die Reformation in der Oberlausitz“ im Museum in Zittau, Klosterstraße 3, am 30. Juli ab 14 Uhr geöffnet, bis zum 7. Januar 2018, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr.

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