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Freitag, 09.12.2016

Wenn dem Advent die Luft ausgeht

Für den Bildungsbürger ziemt es sich, das Weihnachtsoratorium zu hören. Ein Ritual, mehr nicht.

Von Werner J. Patzelt

SZ-Kolumnist und Politikwissenschaftler Werner Patzelt.
SZ-Kolumnist und Politikwissenschaftler Werner Patzelt.

© Ronald Bonß

Haben wir uns Sorgen auch um den Advent zu machen? Ich meine jetzt nicht das Klagen über den Kommerz, das Zaudern bei Zwangsheimeligkeit. Mich stört weder die Weihnachtspost noch das Gefühl, da laufe ein Countdown ab – bis zum Start des Besinnlichkeitsraumschiffs am Heiligabend. Das alles gehört zum Advent einfach dazu, wenigstens in den Jahrzehnten zwischen zeitverlangsamter Kindheit und aufs Wesentliche reduziertem Alter.

Doch mich bedrückt sanft, wie das leise Schmerzen eines berührungsempfindlichen Zahns, die Selbstverständlichkeit unseres Verzichts darauf, uns wechselseitig etwas zu zeigen. Nämlich: dass nach dem Advent tatsächlich Neues anbrechen könnte – und zwar nicht nur das nächste Jahr. Advent, aus dem Lateinischen kommend wie so vieles, das in Vergessenheit gerät, meint ja eine Ankunft, auf die man sich freut und für die man sich vorbereitet. Früher wussten die meisten durchaus, was oder wer da ankäme, ja hofften gar, innerlich zu erleben, dass da wirklich etwas käme. Doch inzwischen ist es schick, solches Wissen als nicht mehr zeitgemäß zu behandeln – und die mit ihm einst verbundene Hoffnung als zweifellos unangebracht.

Dann freilich sind die adventlichen Lichterketten kein Vorglanz mehr. Dann kommt zur Geschäftigkeit, die das Jahr beendet, nichts Weiteres mehr hinzu. Dann besteht der Sinn der Weihnachtsmärkte und Weihnachtsbäume ganz in sich selbst und nicht länger in dem, wozu das alles überhaupt in die Welt und in unsere Kultur kam. Wenig geht dann noch über unser alltägliches Tun oder Lassen hinaus. Und nichts mehr zieht das alles zu sich hin. Außer vielleicht Erinnerungen an Kindertage, da man um die Dinge der Erwachsenenwelt herum den Raum dessen empfand, was zwar möglich, doch noch unbekannt war. Welche Pointe, dass dieser Raum beim Größerwerden nicht mitwächst, sondern schrumpft!

Zwar ziemt es sich für Bildungsbürger immer noch, winters vom Weihnachtsoratorium die ersten drei Kantaten zu hören. In Dresden gehört das zum Advent wie der Christstollen. Nicht wenigen wird solche Musik regelmäßig ein Fenster öffnen und andere Luft in ihr Leben lassen. Nur schließt es sich schnell. Und meist redet man nachher lieber über das Fenster als über jene besondere Luft. Die geht dem Advent, aus allen erwähnten Gründen, dann eben aus. Auch das macht manchen besorgt, und zwar ganz im Doppelsinn dieses Satzes.

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