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Montag, 12.02.2018

Webcam-Prinzessin und Online-Exhibitionistin

Wenn Künstlerinnen sich im Netz inszenieren und männliche Gepflogenheiten persiflieren, ist die Zensur zur Stelle.

Von Sarah Alberti

Juno Calypso „Sensory Deprivation“ aus der Serie „The Honeymoon“ von 2016.
Juno Calypso „Sensory Deprivation“ aus der Serie „The Honeymoon“ von 2016.

© The Artist

Sie bewegen sich als Tumblr-Star, Instagram-Künstlerin, Webcam-Prinzessin, Reality-Artist oder Online-Exhibitionistin in der virtuellen Welt: Das Museum der bildenden Künste vereint zehn Frauen unter dem Schlagwort „Netzkünstlerinnen“. In unmittelbarer Nachbarschaft zum neu eingerichteten Neo-Rauch-Raum stolziert die Performance-Künstlerin Signe Pierce auf einer Videoleinwand eine belebte Küstenstraße entlang. Im knappen Minikleid, mit Highheels, blonden Barbie-Haaren und einer spiegelnden Maske vor dem Gesicht erinnert sie an ein fleischgewordenes Porno-Klischee, das der Realität im wahrsten Sinne des Wortes den Spiegel vorhält. Das Video dokumentiert die Reaktionen der Passanten: Ein wütender Mob junger Frauen und Männer wird sie bald verfolgen, beschimpfen, sie schließlich zu Boden stoßen – und dabei selbstverständlich fotografieren und filmen. „American Reflexxx“, ein soziales Experiment, das 2013 erstmals auf einer Satellitenveranstaltung der Art Basel in Miami Beach und später auch im Pariser Palais de Tokyo zu sehen war, bevor es auf YouTube auf mittlerweile 1,6 Millionen Klicks kommt.

Finger in der Grapefruit

Es geht um den weiblichen Blick im Zeitalter digitaler Inszenierung. Neben Schönheitsidealen hätten sie auch versucht, Themen wie Sex-Positiv und weibliche Sexualität abzudecken, erklärt Kuratorin Anika Meier, die für das Kunstmagazin monopol zum Thema bloggt. Mit der begehbaren Installation eines Mädchen-Zimmers á la lieblos ausgestatteter Vorabendserie verweisen Molly Soda und Nicole Ruggiero auf den privatesten Raum, der inzwischen selbstverständlich Kulisse für die öffentliche Selbstinszenierung im Netz geworden ist. Wer will, kann auch noch eine App installieren, wobei die Frage ist, was die herzförmigen Tabletten, die beim Scan einer Pillendose übers Handydisplay fliegen, der künstlerischen Aussage hinzufügen. Izumi Miyazakis persifliert die inzwischen auch von Großmüttern praktizierte Selfie-Kultur, montiert ihren Kopf auf einen Hundehaufen oder zwischen zwei Toastscheiben. Stephanie Sarley nimmt das Phänomen Food Porn wörtlich und fingert eine Grapefruit. Instagram löschte die Bilder und sperrte ihren Account.

Ausgerechnet das Stichwort Zensur zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung: Arvida Byström hängt überdimensional an der Wand und gibt den Blick frei auf ihre pinke Unterhose, aus der Schamhaar blitzt – auch das für Instagram ein No-Go, wie das von ihr mitherausgegebene und ausgestellte Buch „Pics or It Didn’t Happen“ belegt. Selbst- und Fremdbild, der weibliche Körper, die Grenze von öffentlich und privat, die Möglichkeiten der Selbstinszenierung im Netz sowie ein durchaus auch humorvolles Hinterfragen der virtuellen Normalität – die thematische Fülle verdeutlicht, dass diese Ausstellung nur eine erste Annäherung an die Kunst in der virtuellen Realität ist und hoffentlich animiert zu einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem – neben Cindy Sherman und Pipilotti Rist – existierenden weiblichen Blick in der Kunst. Offen bleibt auch, wann ein Post zur Kunst wird. Wenn ein Galerist ihn dazu erklärt? Und sind gerade für Künstlerinnen die digitalen Möglichkeiten der Selbstvermarktung attraktiv? Bieten sie eine Alternative zum noch immer männerdominierten Kunstmarkt? Vielleicht liefert der im März erscheinende Katalog erste Antworten.

„Virtual Normality“ bis 8. April, Museum der bildenden Künste Leipzig, Katharinenstr. 10. Geöffnet Di, Do– So von 10 – 18 Uhr, Mi 12– 20 Uhr, feiertags 10 –18 Uhr.

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