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Dienstag, 26.09.2017 Perspektiven

Was zählt, ist die Kunst selbst

Die Direktorin des Dresdner Albertinums wehrt sich gegen den Vorwurf, in ihrem Museum würde DDR-Kunst nach und nach im Depot verschwinden.

Von Hilke Wagner

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Blick in die Ausstellung, die das Dresdner Albertinum zum 90. Geburtstag des Dresdner Konstruktivisten Karl-Heinz Adler präsentiert. Zu sehen bis 15. Oktober.
Blick in die Ausstellung, die das Dresdner Albertinum zum 90. Geburtstag des Dresdner Konstruktivisten Karl-Heinz Adler präsentiert. Zu sehen bis 15. Oktober.

© Martin Förster

  • Blick in die Ausstellung, die das Dresdner Albertinum zum 90. Geburtstag des Dresdner Konstruktivisten Karl-Heinz Adler präsentiert. Zu sehen bis 15. Oktober.
    Blick in die Ausstellung, die das Dresdner Albertinum zum 90. Geburtstag des Dresdner Konstruktivisten Karl-Heinz Adler präsentiert. Zu sehen bis 15. Oktober.
  • Hilke Wagner, geboren 1972, leitete Teile der Sammlung der Ruhr-Uni Bochum und sieben Jahre lang den Kunstverein Braunschweig. Die Kunsthistorikerin ist seit November 2014 Direktorin des Albertinums.
    Hilke Wagner, geboren 1972, leitete Teile der Sammlung der Ruhr-Uni Bochum und sieben Jahre lang den Kunstverein Braunschweig. Die Kunsthistorikerin ist seit November 2014 Direktorin des Albertinums.

In seinem Perspektiven-Beitrag „Wende an den Wänden“ (SZ vom 18. September) kritisierte Paul Kaiser, Kunstwissenschaftler und Experte für die Kunst der DDR, dass die Dauerausstellung des Dresdner Albertinums permanent umgeräumt wird und dabei sukzessive die ostdeutsche Kunst aus der Zeit zwischen 1945 und 1989 im Depot verschwindet. Heute veröffentlicht die SZ die Entgegnung von Hilke Wagner, der Direktorin des Albertinums.

Da viele Leserinnen und Leser eine polemische Meinungsäußerung innerhalb des Debattenfeuilletons zum Umgang des Albertinums mit der Kunst in der DDR als Tatsachenbericht missverstehen mussten, möchte ich dies zum Anlass nehmen, um in der Folge meine Position darzulegen. Zunächst gilt es klarzustellen: Es wurde nichts ins Depot „entsorgt“, sondern bereits vor längerer Zeit und kontinuierlich umgehängt. Unsere Mattheuer-Werke zum Beispiel sind als Leihgabe derzeit in seiner großen Retrospektive in Rostock zu sehen und reisen in der Folge zu einer Ausstellung in die Niederlande. Auch das gehört zu unseren musealen Aufgaben: Unsere Werke infolge inhaltlich fundierter Anfragen als „Botschafter“ in die Welt zu senden!

Auch wenn nicht (nur) die vom Autor präferierten, so sind derzeit im Albertinum sehr viele Künstler zu sehen, die in der DDR gewirkt haben. Beim schnellen Durchschreiten der Ausstellungsräume zählte ich 72 zwischen 1949 und 1989 in Ostdeutschland, vor allem in Dresden, entstandene Werke: Der Dresdner Künstler Karl-Heinz Adler wird in einer Sonderpräsentation vorgestellt, ein Raum der Dauerausstellung ist dem Dresdner Künstler Hermann Glöckner und seiner Nachfolge gewidmet. Nicht zuletzt zeigt unsere Sonderausstellung „Geniale Dilletanten“ Positionen der 1980er-Jahre und widerlegt eindrücklich das westliche Verspätungsargument, das für die Kunstproduktion Ostdeutschlands häufig angewendet wird. Ganz klar zeigt sich hier, dass ausgehend gerade auch von A. R. Penck und der Jazz-Szene sich im Osten und hier in Dresden eine ganz eigenständige Subkultur entwickelt hat – mit eigenen Wurzeln, innovativ und von hoher künstlerischer Qualität.

Intendiert nah zur Sonderausstellung zeigen wir unseren Penck-Bestand. Diese Bestandsaufnahme legt den Finger jedoch bewusst auch in die Wunde, denn leider braucht es hierfür keinen großen Raum: Kleinformatige Skulpturen inbegriffen, verfügen wir lediglich über sieben Werke – allesamt aus der Wendezeit, über keine einzige Arbeit jedoch aus den 1960er-Jahren, als Penck von Dresden aus die Bildsprache revolutionierte. Auch das gehört zu meinen Aufgaben: Auf die noch bestehenden Lücken im Bestand der Kunst in der DDR hinzuweisen und diese zu füllen, wie zum Beispiel über einen vom Freundeskreis finanzierten Ankauf einer frühen Strawalde-Arbeit im vorigen Jahr.

Derzeit lege ich angesichts unserer beschränkten Platzkapazitäten, die lediglich zulassen, ein Zehntel des Gesamtbestandes des 19. bis 21. Jahrhunderts zu zeigen, meinen Fokus darauf, jene Positionen der Kunst in der DDR zu präsentieren, denen außerhalb Dresdens bislang zum Teil nicht die ihnen gebührende Anerkennung zukam, und eben nicht die altbekannten Größen. Es ist für mich, für uns und auch den Westen hier doch noch so unendlich viel zu entdecken! Der überblendeten Narration des Ostens eine Stimme zu geben, ist mir doch gerade wichtig!

Ich verwehre mich jedoch gegen ein nostalgisches oder rein soziologisch geprägtes Interesse als Basis meiner Ausstellungspraxis. Wir müssen neue Wege gehen, und auch der Blick auf die Kunst in der DDR gehört entstaubt und aufgefrischt! Auch wenn es mir wichtig ist, den Bestand der DDR – die Heroen inbegriffen – zu zeigen (denn es ist ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal unserer Sammlung), so möchte ich vermeiden, dies aus geschichtlich-soziologischem Interesse zu tun (diese quasi dokumentarische Aufgabe obläge einem historischen Museum), sondern vor allem ausgehend von der künstlerischen Qualität, die es unabhängig von Ideologie auf allen Seiten, der offiziellen, inoffiziellen und unter den vielen, keiner dieser Kategorie zugehörigen Künstlerpositionen, gab. Denn was zählt, ist die Kunst selbst – in ihrer Individualität und Diversität. Wir dürfen nicht zulassen, dass in der jetzigen Polemik ein Staats-Label diese komplett überdeckt. Deshalb weigere ich mich, als Alibi oder der bequemen Befriedung wegen „DDR-Räume“ einzurichten, die divergente künstlerische Positionen pauschal verschubladen, sie in ihrer Individualität jedoch nicht gelten lassen. Dagegen setzen wir unsere Reihe „Focus Albertinum“, die im steten Wechsel immer wieder andere Sammlungskomplexe oder Künstlerpersönlichkeiten ins Visier nimmt, diese jedoch tiefergehend und in Hinblick auf ihre Relevanz für das Heute beleuchtet, wie im nächsten Jahr zum Beispiel die DDR-Mail-Art-Künstlerin Ruth Wolf-Rehfeldt. Daher wird auch in Zukunft nicht alles, dafür aber Altbekanntes überraschend neu zu sehen, gänzlich Unbekanntes oder längst Vergessenes in einer dynamischen Sammlungspräsentation zu entdecken sein.

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Das Albertinum möchte kein Allerweltsmuseum sein. In Zeiten, da ein Museum dem anderen wie eine Shopping Mall gleicht, möchten wir gerade die besonderen Charakteristika unserer Sammlung, die spezifische lokale Narration vom 19. bis ins 21. Jahrhundert, zum Ausgangspunkt unserer Erzählungen nehmen, diese jedoch auch kontextualisieren mit internationalen künstlerischen Entwicklungen. Mein besonderes Anliegen ist es dabei, der Welt zu zeigen und Dresden daran zu erinnern, dass diese Stadt in der Kunstgeschichte immer und immer wieder Ausgangspunkt bahnbrechend-innovativer Entwicklungen war. Dass Lissitzky und Mondrian dank lokaler Mäzene bereits in den 1920er- Jahren geradezu revolutionäre Raumkonzepte entwickelten, ist im Westen außerhalb der Fachkreise niemandem bekannt! Ich hoffe, dass sich die Dresdner anstecken lassen von diesem, auch meinem Stolz auf die lange Innovationstradition dieser Stadt, die es eben auch zu DDR-Zeiten gab!

Regelmäßig erhalte ich Zuschriften mit dem gleichen Unterton wie jener des zur Debatte stehenden polemischen Artikels; ich erhielt sie im Übrigen gleichermaßen, als über einen langen Zeitraum sämtliche der Kunst ab 1945 gewidmeten Säle (es sind nur vier!) fast ausschließlich der Kunst in der DDR (bzw. der Nachkriegskunst), d. h. Rosenhauer, Mattheuer, Heisig etc., gewidmet waren. Als a priori Pauschalunterstellung sozusagen, aus dem Westen stammend die Kunstproduktion der DDR arrogant diskreditieren und meinen westlichen Blick oktroyieren zu wollen. Mit den meisten der Kritiker, deren Position ich nachvollziehen kann, denn allzu viel wurde nach der Wende negiert, ausgelöscht und abgerissen – und damit eben auch eine ganz eigene Erzählung, eigene Geschichte, ergab sich in der Folge ein konstruktiver Austausch.

Das Hantieren mit Zahlen setzt immer den Willen eines ganzheitlichen Blicks voraus. Der Autor Paul Kaiser jedoch lässt beim Feststellen der Diskrepanz der Besucherzahlen zwischen 2015 und 2016 die immens erfolgreiche Dahl/Friedrich-Ausstellung im Jahre 2015 völlig unerwähnt. Dies ist genauso irreführend, wie es Fakten verzerrend wäre, die Besucherzahlen bis 2003 mit den heutigen zu vergleichen, ohne darauf hinzuweisen, dass das Grüne Gewölbe als Besuchermagnet sich einst im Albertinum befand.

Dass Paul Kaisers polemischer Beitrag Empörung provozieren möchte, statt Dialog zu befördern, und Ost-West-Gräben vertieft (und dabei persönlich werdende Verunglimpfungen nicht scheut), ist das Bedauerliche an diesem Artikel. Letztlich schadet der Autor damit genau der Sache, für die er sich seit Jahren so engagiert einsetzt. Seine Verbitterung droht nicht nur den Dialog zu ersticken, sondern auch die wissenschaftliche Forschung Dresdens im Bereich der Kunst in der DDR in Misskredit zu bringen – wenn sie zum schieren „Kränkungs“-Diskurs wird und der Autor seine Argumente durch Unsachlichkeit selbst entwertet.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die Denkanstöße geben und zur Diskussion anregen sollen.

Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. Elly Brose-Eiermann

    Bravo Hilke, Danke dass Du diesen demagogischen selbsternannten Wahrer der DDR-Kunst sachlich und fachlich fundiert in die Schranken gewiesen hast.

  2. R.B.

    Überall wurde Ostkunst radikal vor allem im Stadtzentrum beseitigt und diskreditiert. Überall werden Museumsleiter nur aus dem Westen eingestellt (Folge der Biedenkopfschen Beamtengesetze). Die Diskreditierung des Ostens und unseres Schaffen ist allgegenwärtig. Wenn neue Kunst in den öffentlichen Raum kommt, wird diese fast immer als Müll empfunden. Die Entfernung der Ostbilder im Albertinum ist ein weiterer Schritt in diese Richtung - Weiter so, zementiert die ideele Entfremdung in Ost und West, die Wahlergebnisse sprechen für sich! R.B.

  3. B.R.

    Ja lieber R.B. die Wahlergebnisse sprechen für sich. Mit seinem erklärten Stolz auf deutsche Soldaten und darauf, dass diese in 2 Weltkriegen Tote im zweistelligen Millionenbereich auf dem Gewissen haben, hat Herr Gauland im Osten ja einen wahren Begeisterungssturm ausgelöst. Und an dem kollektiven geistigen Offenbarungseid des Ostens ist jetzt der Westen Schuld?

  4. B.R.

    Ja lieber R.B. die Wahlergebnisse sprechen für sich. Mit seinem erklärten Stolz auf deutsche Soldaten und darauf, dass diese in 2 Weltkriegen Tote im zweistelligen Millionenbereich auf dem Gewissen haben, hat Herr Gauland im Osten ja einen wahren Begeisterungssturm ausgelöst. Und an dem kollektiven geistigen Offenbarungseid des Ostens ist jetzt der Westen Schuld?

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