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Mittwoch, 11.10.2017

Was war, was ist Kunst aus der DDR?

Eine sachliche Debatte ist dringend nötig, meint Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange.

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Eva-Maria Stange
Eva-Maria Stange

© Ronald Bonss

In der Sächsischen Zeitung debattieren Kunstexperten und Leser seit drei Wochen über die Frage, wie viel und welche Kunst aus der Zeit der DDR in der Ausstellung des Dresdner Albertinums dauerhaft präsent sein sollte. Eva-Maria Stange, Sachsens Ministerin für Wissenschaft und Kunst (SPD), ärgert sich über Hassmails und persönliche Angriffe auf Albertinumsdirektorin Hilke Wagner und erklärt, nach welchen Kriterien der Freistaat Museumsdirektoren auswählt und einstellt.

Frau Stange, was verrät Ihnen dieser Bilderstreit über den Zustand der Gesellschaft?

Offenbar haben die Menschen ein großes Interesse daran, wie Museen gestaltet werden. Das freut mich. Deutlich zeigt die Debatte, dass es überfällig ist, darüber zu reden, wie wir in der Gesellschaft mit DDR-Kunst umgehen. Offenbar gibt es Kunstwerke, die sehr präsent waren und heute von vielen Menschen vermisst werden. Auch gab es damals Künstler, die auf Konfrontation waren und sich jetzt zum Beispiel in der Ausstellung „Geniale Dilletanten“ wiederfinden. Wir brauchen eine Debatte darüber: Was war, was ist DDR-Kunst? Das betrifft nicht nur die bildende Kunst, sondern auch andere Bereiche. Doch dass diese Debatte im Moment nicht sachlich geführt wird, bedrückt mich sehr. Sie wird personifiziert, und die Direktorin des Albertinums, Hilke Wagner, wird angegriffen. Es erschreckt mich, dass 27 Jahre nach der Wende Menschen, die im westlichen Teil der Bundesrepublik geboren sind, immer noch anders betrachtet werden, als die, die im Osten geboren sind.

Warum wurde dann seit Anfang der 90er-Jahre nur eine einzige Direktorenstelle an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) mit einem Mann aus dem Osten besetzt? Das war Bernhard Maaz, der die Gemäldegalerie Alte Meister leitete und inzwischen in München Verantwortung trägt.

Auch damals gab es eine heftige Diskussion in der Öffentlichkeit, weil Maaz als Nachfolger von Harald Marx angeblich nicht ausreichend qualifiziert wäre. Die Auswahl der Direktorinnen und Direktoren erfolgt durch eine internationale Jury anhand einer ausführlichen Stellenbeschreibung und eines klaren Anforderungsprofils.

Welchen Ansprüchen muss ein Albertinumsdirektor gewachsen sein?

Er oder sie muss den beruflichen Schwerpunkt in der zeitgenössischen Kunst haben. Kernaufgabe ist der Ausbau der Sammlungen, insbesondere mit der Kunst des 21. Jahrhunderts. Ausstellungsmanagement, Forschung, Provenienzforschung und auch die Kunst in der DDR werden ausdrücklich genannt. Das Sammlungsprofil ist weiterzuentwickeln, auch das Gerhard-Richter-Archiv. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind die Kunst der Romantik und des 19. Jahrhunderts, der Expressionismus, die Neue Sachlichkeit sowie die Kunst der DDR. Deswegen hatte sich Hilke Wagner auch extra bemüht, einen Kurator zu finden für die DDR-Kunst.

Bis 2005 gab es eine Mitarbeiterin für Kunst aus der DDR an der Galerie Neue Meister. Was geschah mit dieser Stelle?

Die Kuratorin ging in den Ruhestand, die Stelle wurde zunächst anderweitig besetzt. Seit November letzten Jahres gibt es wieder eine Kuratorin für den Bereich DDR-Kunst.

Waren Sie an dem Auswahlverfahren von Hilke Wagner beteiligt?

Nein, das war 2013, also vor meinem Amtsantritt. Der Freistaat hat sich der Firma Kulturexperten von Oliver Scheytt aus Essen bedient. Diese Kulturexperten kennen weltweit geeignete Personen und sprechen sie gezielt an. Sieben Kandidaten waren für das Albertinum in der engeren Wahl. Mit ihnen wurden intensive Gespräche geführt. Entscheidend ist größte Übereinstimmung mit dem Anforderungsprofil. Die schriftlichen Unterlagen zeigen mir, dass es besser nicht sein könnte bei Frau Wagner.

Hilke Wagner kam vom Kunstverein in Braunschweig als Direktorin nach Dresden. Wieso finden die Headhunter keine geeigneten Kandidaten im Osten?

Es geht nicht um Ost oder West. Wenn bei dem Auswahlverfahren jemand mit einer Ostbiografie übersehen worden wäre, dann frage ich mich, wieso er nicht im Bewerberfeld war. Als der Generaldirektorenposten neu zu besetzen war, haben wir gemerkt, wie schwierig das ist. Die SKD sind kein Provinzmuseum. Wir suchen kompetente Leute mit Ideen. Museumsleute jenseits der 50, die sich ihre Sporen schon verdient haben, sind wir leider auch schnell wieder los, wie wir bei Hartwig Fischer gesehen haben. Es ist unfair und engstirnig, Frau Wagner die Kompetenz zur Führung dieses Museums abzusprechen, nur weil sie eine Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern zurzeit nicht ausstellt.

Wie kommt es, dass Wissenschaftler in einem Staatsbetrieb wie den SKD sich Jahr für Jahr von einer befristeten Stelle zur nächsten hangeln? Manche tun das seit mehr als einem Jahrzehnt.

Die Kultur- aber auch die Landeseinrichtungen und Ministerien waren bis 2014 von permanentem Stellenabbau betroffen. Öffentlich wurde das honoriert. Viele Menschen waren der Meinung, dass der sogenannte Wasserkopf zu groß ist. Aber Landesbedienstete arbeiten nicht nur in Ministerien. Sie sind Lehrer, Polizisten, Kulturarbeiter. Alle Kultureinrichtungen sind Staatsbetriebe. Das hat den Vorteil, dass zum Beispiel die SKD selbst entscheiden können, ob sie eine Restauratorenstelle wieder besetzen oder nicht. Es gab damals den sogenannten Staubsaugerbeschluss, nach dem jede frei werdende Stelle gestrichen wurde. Und wenn die frei werdende Stelle eine Restauratorenstelle war, dann konnte diese nicht mehr besetzt werden, auch wenn sie dringend gebraucht wurde. Seit die SKD Staatsbetrieb sind, dürfen sie im Rahmen ihres Haushalts selbst entscheiden, welche Stelle sie für verzichtbar halten. Wir müssen in den nächsten Jahren mit Augenmaß ein vernünftiges Personaltableau aufrechterhalten.

Wie soll das konkret aussehen?

Im Haushalt 2017/18 gibt es das erste Mal etwas Zuwachs. Zusätzliches Personal bekommen wir für das Archiv der Avantgarden. Die SKD beschäftigen zum Teil auch befristetes Personal. Das ist weltweit üblich und eine gute Einstiegschance z. B. für Kuratoren. Sie sollen sich ausprobieren und Erfahrungen sammeln. Es steht in vielen Bereichen ein Generationswechsel an. Damit wir aber keine Kompetenzen verlieren, habe ich vorgeschlagen, neue Fachleute einzuarbeiten, bevor bewährte Kräfte in den Ruhestand gehen.

Mit der Einstellung von Hilke Wagner wurde die Skulpturensammlung geteilt. Ein Teil wird vom Team der Gemäldegalerie Alte Meister betreut, der andere vom Albertinum. Wessen Idee war das und was versprechen Sie sich davon?

Das kann ich Ihnen nicht sagen, das geschah vor meiner Amtszeit. Außerdem mische ich mich in die kuratorische Arbeit grundsätzlich nicht ein. Hintergrund war damals, dass die im Albertinum ausgestellten Skulpturen mit den Gemälden unter dem Stichwort 19. bis 21. Jahrhundert zusammengeführt wurden. Wir werden in Zukunft stärker mit Veränderungen arbeiten müssen, auch weil die Gewohnheiten der Menschen sich ändern. Es mag Leute geben, die sich gern dreimal das Gleiche anschauen. Und sicher ist es notwendig, dass eine Dauerausstellung über einen gewissen Zeitraum existiert, aber nicht für die Ewigkeit. Manche Museen stellen ja nur zehn, andere gar nur fünf Prozent ihrer Bestände aus.

Platz wäre zum Beispiel im Japanischen Palais. Wie geht es dort weiter?

Dort ist eine Grundsanierung nötig. Generaldirektorin Marion Ackermann hat erste Vorstellungen zu einem Konzept für das Palais erarbeitet. Das muss nun konsensfähig werden zwischen den SKD, dem Finanz- und dem Kunstministerium. Die Ethnografischen und die Naturhistorischen Sammlungen mit ihren Ausstellungen sollen im Palais bleiben. Das Damaskuszimmer soll Ende nächsten Jahres fertig restauriert sein. Außerdem wird im Palais das Archiv der Avantgarden mit einer Interimspräsentation zum Leben erweckt, bis es ins dann sanierte Blockhaus einziehen kann.

Bekommt das Blockhaus bauliche Priorität vor dem Japanischen Palais?

Aus unserer Sicht nicht. Doch für das Baugeschehen ist mein Ministerium nicht zuständig.

Interview: Birgit Grimm

Leser-Kommentare

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Insgesamt 13 Kommentare

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  1. Bärbel Kleppsch

    Frau Ministerin Stange wundert sich und ist erschreckt, „dass 27 Jahre nach der Wende Menschen, die im westlichen Teil der Bundesrepublik geboren sind, immer noch anders betrachtet werden, als die, die im Osten geboren sind.“ Eine sachliche Debatte sei dringend nötig, wir immer wieder betont. Hier Beispiele Ost-Haushalte besitzen nicht einmal halb so viel Vermögen wie die übrigen Haushalte: im Osten im Schnitt 67.400 Euro; im Westen der Republik sind es ca. 153.000 Euro. Und die Schere klafft weiter auseinander. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung hat 2014 in einer Studie die deutsche Eliten untersucht. Ergebnis: nur 2,8 Prozent aller Entscheidungsträger in Deutschland stammen aus Ostdeutschland. Wenn die „Ossis“ die gleiche Chance hätten, in derartige Positionen aufzusteigen, müsste der Anteil eigentlich 17-19 Prozent sein. Anteil Ostdeutscher bei den Wirtschaftseliten 0 Prozent, bei den Wirtschaftsverbänden 0 Prozent, in der Justiz 0 Prozent, im Militär 0 Prozent..

  2. R.B.

    Frau Kleppsch, sie haben leider RECHT! Dieses Ergebnis aber war das Ziel z.B. der Biedenkopfschen Beamtengesetze!! R.B.

  3. Rosenrot

    Solange in den öffentlichen Medien noch von Ost und Westteil Deutschlands gesprochen wird, bleibt dieser Bewertungsunterschied auch in den Köpfen der Menschen bestehen. In diesem Fall trifft es mal jemanden aus den alten Bundesländern. Hier Frau Hilke Wagner.

  4. eine dresdnerin

    frau ministerin stange aus mainz, frau ackermann aus göttingen, frau wagner aus hessen- und die findungskommision firma kulturexperten aus essen. und da wundern sie sich frau ministerin??!! uns erschreckt, daß in den 27 jahre nach der wende keine fachleute von uns gefunden worden. können sie sich das vorstellen?! wer sieht denn hier jemanden vom geburtsort her als nicht kompetent?

  5. Martin H.

    @1: Wollen Sie den Quoten-Ossi durchsetzen? Ihre Zahlen stimmen auch nicht. Ihre 0 Prozent sind gefühlt, aber nicht real. In der Politik hatten wir bis vor kurzem zwei Ostdeutsche an der Spitze. In den Wirtschaftsverbänden und in der Justiz etc. mag der Anteil noch nicht so groß wie der Bevölkerungs-Anteil sein, aber er steigt. Es werden in Deutschland keine extra Statistiken nach geographischer Herkunft erstellt. Gefühlt würde ich auch sagen das Süddeutsche stärker präsent sind als Norddeutsche. Doch das ist Gefühl. Zum Artikel: Die Ausstellung "Geniale Dilletanten" wird in der überregionalen Presse gefeiert. Originalton FAZ: "unbedingt nach Dresden fahren…„ehemalige DDR“ und „ehemalige Bundesrepublik“ einzigartig dargestellt“. Das Gedöns in der SZ um Frau Hilke Wagner scheint mir so eine Quoten-Diskussion zu sein. Man will Frau Wagner was ans Bein binden und findet nur den Geburtsort. Jämmerlich.

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