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Montag, 18.01.2016

Was soll ich machen, damit Sie mir glauben?

Mit solchen Schauspielern kann nichts schiefgehen. Und der Rest stimmt auch beim Psychothriller „Vergib uns unsere Schuld“.

Von Karin Großmann

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Jens Baumann (Karl Markovics, r.) will Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) von seiner Schuld überzeugen. Die Männer verwickeln einander in ein fast perfektes psychologisches Kammerspiel.
Jens Baumann (Karl Markovics, r.) will Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) von seiner Schuld überzeugen. Die Männer verwickeln einander in ein fast perfektes psychologisches Kammerspiel.

© ARD

Matthias Brandt und Karl Markovics hätten auch gar nichts zu sagen brauchen, und es wäre ein schöner Abend geworden. Ihre Gesichter reden genug. Nicht viel Schönes freilich. Sie zeigen alle Nuancen zwischen Entsetzen, Ekel, Angst, Misstrauen und Verzweiflung. Brandt, der sonst im „Polizeiruf 110“ den unterkühlten lässigen Adligen von der Münchner Mordkommission spielt, hält diese Rolle nicht lange durch. Er gerät außer sich, brüllt und schnauzt, bricht sogar richtig in Tränen aus. Einmal kotzt der Baron ins Kornfeld. Er widert sich selbst an.

Markovics, Österreicher mit einer gepflegten Nichtrasur, zaubert sich in die Augen ein irres Flackern. Er kann Gefühle zerkauen. Er braucht nur die Mundwinkel zu bewegen, da bricht ein Gewittersturm los. Sein schauerlich hohles Lachen erzeugt Gänsehaut.

Wer solche Schauspieler hat, muss sich um den Rest nicht sorgen. Sie machen das schon. Kamera drauf – und gut. Warum begnügen sich andere Krimis mit nuschelnden Halblaien? Dann bleibt ihnen ja nichts anderes übrig als das Ballern in rostigen Werkhallen und die öde Verfolgungsjagd.

Gut, etwas mehr Licht wäre schön, aber man kann nicht alles haben. Diffuses Halbdunkel und trübes Regenwetter verstärken das Düstere einer psychischen Situation. Filmleute wissen das. Zuschauer wissen es auch und werden ungern mit der Nase auf solche Symbolik gestoßen. Das ist aber auch der einzige Nörgel.

Denn hier stimmen nicht nur die Schauspieler. Der Rest stimmt genauso. Die Drehbuchautoren Matthias Pacht und Alexander Buresch greifen tief in die Moralkiste des christlichen Abendlandes und buchstabieren sich durch Schuld, Scham, Sünde, Strafe, Reue und Vergebung. Vor zehn Jahren hatte der Kommissar einen jungen Mann als Mörder einer Halbwüchsigen ins Gefängnis gebracht. Jetzt hat sich der vermeintliche Täter erhängt, und ein anderer bezichtigt sich der Tat. Ist er ein kranker Wichtigtuer, oder war er es wirklich? Hat sich der Ermittler geirrt und also schuldig gemacht? Wo ist eigentlich die Leiche? Und wann haben sich Filmleute das letzte Mal einen offenen Schluss im Krimi getraut?

Kinoregisseure wie Marco Kreuzpaintner tun das. Der 38-Jährige arbeitet zum ersten Mal für den „Polizeiruf“ und nimmt sich großartig viel Zeit für Rückblenden, für langsame Gänge und lange Blicke. Matthias Brandt und Karl Markovics dürfen still vor sich hin grübeln. Wenn sie aber was sagen, dann sitzt jeder Satz.

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. boseline

    Das war ein sehr guter und spannender Krimiabend, mehr davon!

  2. KrtischerFrank

    War bis 21:35 Uhr ein guter Polizeiruf! Das Ende war unglaubwürdig! Die Unfallhypothese hätte weit besser gepasst, ein Psychopath war es nach der Handlung ja nicht. Und welcher "Normalo" erwürgt schon über 5 Minuten eine junge Frau? Welche Botschaft sollte dann da rübergebracht werden?

  3. Moni

    Die Geschichte war identisch zum Roman von John Grisham "Das Geständnis", welchen ich zufällig gerade gelesen hatte. Natürlich hat man den Ort und die Personen etwsa umgeschrieben, aber ansonsten eins zu eins.

  4. i

    Ich fand den Polizeiruf sehr gut gemacht. Zumal diesmal nicht nur das Opfer und der Täter im Mittelpunkt stand, sondern auch endlich einmal die schwere Arbeit unserer Ermittler dargestellt wurde. Alle Fragen sich immer nur wie es den Opfern geht, aber niemand wie es dem ermittelnten Polizeibeamten geht. Auch diese sind nur Menschen und haben viel auszuhalten.

  5. Horstl

    Ein ganz hervorragender Polizeiruf mit erstklassigen Schauspielern .Großes Lob. Auch die dazugehörige Kritik in der SZ ganz passend mit einem Verweis auf den mißtratenen Tatort mit einem Möchtegernschauspieler und seiner Gewaltorgie. Danke auch dafür und bitte mehr solcher Filme .Schwierig genug bei der Inflation an Krimis.

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