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Freitag, 11.05.2018

Was lauert da, hinter den Tälern der Nase?

Josef Hegenbarth hat Leute von der Straße geholt und gezeichnet – für Schriftsteller ein gefundenes Fressen.

Von Karin Großmann

Diese Frau saß dem Dresdner Künstler Josef Hegenbarth 1927 Modell – ein literarisches Kunststück holt sie aus der Anonymität.
Diese Frau saß dem Dresdner Künstler Josef Hegenbarth 1927 Modell – ein literarisches Kunststück holt sie aus der Anonymität.

© SKD/Herbert Boswank

Niemand kennt diese Frau. Niemand weiß, wie sie heißt, was sie mag und welches Schicksal sie mit sich herumträgt. Sie bleibt anonym. Es könnte eine gewisse Frieda Ceuner sein, Mutter von sechs Kindern und verheiratet mit Otto, dem Gleisarbeiter. Diese Frau ist eine von vielen Passanten, die der Dresdner Maler und Grafiker Josef Hegenbarth von der Straße weg in sein Atelier bat. Er sammelte Köpfe wie andere Leute Heiligenbilder oder Bonbonpapier. Die Wirkung liegt in jedem Fall im Detail. Rund 300 solche Blätter blieben erhalten. Sie zeigen das Können des Meisters, der nur wenige Striche brauchte, um das Charakteristische einer Figur zu erfassen. Kaum zu glauben, dass diese Porträts nur Fingerübungen gewesen sein könnten.

Hegenbarth, 1884 geboren im Böhmischen, bezog 1919 ein Atelier im Künstlerhaus Dresden-Loschwitz. Zwei Jahre später kaufte er ein Haus in der Nachbarschaft. Dort in der Calberlastraße wohnte und arbeitete er bis zu seinem Tod 1962, und dort wird nun seine Kopfsammlung vorgeführt. Da sind sie alle festgehalten mit ihren arrogant verzogenen Augenbrauen, mit der trotzig-kindlichen Schnute, mit dem Misstrauen im Halbschatten. „Was lauert da, hinter den Tälern der Nase?“, fragt der Kunstwissenschaftler Florian Illies angesichts einer solchen Zeichnung und liefert die Antwort gleich mit: „Hegenbarth verrät es nicht. Es kann alles sein.“

Damit stehen die Türen zur Interpretation offen. Illies ist einer von sieben Schriftstellern, die das Hegenbarth-Archiv zur Mitarbeit einlud. Sie durften aus dem faszinierenden Fundus der Figuren wählen und eine eigene Geschichte hinzuerfinden. Es sollte mehr sein als der bewundernde, aber flüchtige Blick.

Die Neue Pinakothek in München hat dieses Prinzip vor Jahren mit dem Schriftsteller Ingo Schulze durchgespielt. Er schrieb Miniaturen zur Weltkunst – als Monolog, Dialog, Brief oder Anklage, stilistisch an den Stil der Gemälde angepasst. Diesmal erzählt er in der Ich-Form von einem unfreiwilligen Aufenthalt auf dem Flughafen von Chicago, wo er mit anderen Passagieren in einem fensterlosen Raum hilflos auf seinen Pass wartet. Ihm fällt die betont aufrechte Haltung einer Frau auf, der schlanke Hals, ihr aufmüpfig dunkles Haar. Der Mann daneben scheint kaum zu ihr zu passen, ein schlecht rasierter Typ mit Alkohol und Wut im Bauch. Er heißt Michail Aaronowitsch, durfte im November 1989 als Fotograf zum ersten Mal ins Ausland, nach Berlin, und hat erst bei der Rückkehr vom Fall der Mauer erfahren. Deutschland habe ihn in eine Depression gestürzt, sagt die Frau, die sich als seine Dolmetscherin zu erkennen gibt.

Nichts davon ist in den zwei Blättern von Josef Hegenbarth zu sehen und doch alles, was Ingo Schulze erzählt.

Was du nicht siehst

Auf diese Weise werden die Zeichnungen umkreist, mal eng und mal weiter. Es ist frappierend, wie unterschiedlich die Autoren die Aufgabe lösen. Katharina Hacker erfindet einen Psychokrimi. Marcel Beyer liefert seine Sicht auf ein Frauenporträt im Gedicht. Julia Boswank übersetzt drei Köpfe in eine abstrakte Zeichensprache. Im Text des Dresdner Dichters Volker Sielaff spielt Hegenbarth eine Rolle als Liebhaber der Zirkuswelt und genialer Illustrator.

Die Ausstellung inszeniert ein bekanntes Spiel: Ich sehe was, was du nicht siehst. Frieda Ceuner zum Beispiel hat ihren Hut abgelegt, bevor sie dem Maler Modell saß. „Mich hat noch niemand gemalt, müssen Sie wissen, nur mein Schwager Eduard hat mich zweimal fotografiert, in unserem Garten, unterm Kirschbaum, mit den Kindern.“ So plaudert Frau Ceuner fort und fort, erzählt vom Hochwasser in Gottleuba, das es 1927 wirklich dort gab – das alles ist nicht nur glänzend erfunden, sondern auch präzise recherchiert von der Dresdner Autorin Undine Materni. Der Maler hätte seinen Spaß dran gehabt. Vermutlich war es ja vor allem die reine Menschenneugier, die ihn zu solchen Porträts trieb – und die Einsamkeit des Ateliers.

Ausstellung im Hegenbarth-Archiv Dresden bis 4.11., geöffnet sonntags 15 – 18 Uhr, Eintritt 3 Euro, erm. 2 Euro

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