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Freitag, 23.09.2016

Was hinkt, ist kein Vergleich

Goebbelsvergleich hin oder her: Angela Merkel besitzt keine dämonische Verführungskraft.

Von Michael Bittner

Michael Bittner.
Michael Bittner.

© Ronald Bonß

Es ist nicht ohne Komik, wie Professor Patzelt den Überraschten spielt, nachdem Leser von seinem jüngsten Nazi-Vergleich provoziert wurden, der doch offenkundig als Provokation geplant war. Statt sich einfach zu korrigieren, ließ er die Nazikeule in der vergangenen Woche gleich noch einmal niedersausen. Er versicherte uns: Die Menschen, die voriges Jahr versucht haben, ankommenden Flüchtlingen zu helfen, waren ähnlich verblendet wie die von Goebbels aufgehetzten Soldaten des nationalsozialistischen Deutschlands, die in einem Blutrausch in Polen und der Sowjetunion Millionen Männer, Frauen und Kinder ermordeten.

Das kann man wohl so sehen – aber nur, wenn man unter einer erheblichen Sehstörung leidet. Klarsichtige Beobachter erkennen problemlos einen fundamentalen Gegensatz zwischen Deutschen, die sich – wohl zu optimistisch – für eine gute Sache einsetzten, und Deutschen, die für eine durch und durch schlechte kämpften. Oder ist der Unterschied zwischen Humanität und Bestialität nebensächlich? Professor Patzelts Vergleich hinkt fast so sehr wie Dr. Joseph Goebbels.

„Schwingt schon die Nazikeule, wer unbedingtes Vertrauenwollen, nur weil einst im Nazigewand aufgetreten, in anderer Kostümierung ebenso erkennt und ablehnt?“, fragt Professor Patzelt treuherzig. Aber wäre es ihm nur um eine Kritik des bedingungslosen Glaubens gegangen, hätte er die Flüchtlingshelfer ja auch gleich mit Gläubigen vergleichen können. Warum mussten die Nazis herhalten? Als zustimmender Wink wird dies jedenfalls von jenen rechtsradikalen Spinnern verstanden, die inzwischen fest davon überzeugt sind, die „Kanzler-Diktatorin“ Merkel plane im Auftrag der USA oder der Außerirdischen, durch Massenmigration das deutsche Volk auszurotten.

Übrigens bezweifle ich, dass Angela Merkel wirklich eine dämonische Verführungskraft besitzt. Die Menschen, die Flüchtlinge unterstützt haben, taten dies gar nicht, weil sie an Frau Merkel glaubten, sondern teils aus Pflichtgefühl, teils aus Spaß, vor allem aber aus Trotz gegen das Pack, das die Fremden in Deutschland mit Gewalt empfing. Es gibt ein amerikanisches Sprichwort, das Professor Patzelt nicht geläufig zu sein scheint, ihm aber nützlich werden könnte. Es lautet: Wenn du in einem Loch sitzt, hör auf zu graben!

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