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Montag, 16.04.2018

Was für eine Ehe, was für eine Hölle

Beim Dresdner Gastspiel des Münchner Residenztheaters mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ zerplatzen Illusionen.

Von Rainer Kasselt

Sie nestelt an seiner Hose, will Sex. Er ist müde, betrunken, wehrt sie ab. Das Dozentenpaar Martha und George kommt spätnachts nach Hause. Sie sind seit 23 Jahren verheiratet. Martha hat ohne sein Wissen ein jüngeres Ehepaar, Nick und Honey, auf einen Absacker eingeladen. Er weiß, was das bedeutet. Sie liebt es, auf den Gefühlen anderer herumzutrampeln.

Im ausverkauften Dresdner Schauspielhaus gastierte am Wochenende das Münchner Residenztheater mit Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Dieses Stück, 1962 am Broadway uraufgeführt, gehört zu den großen Ehedramen der Weltliteratur. Martha ist eine frustrierte Frau, kann keine Kinder bekommen. Als Tochter des von ihr bewunderten Übervaters und College-Rektors hatte sie gehofft, dass George eines Tages dessen Nachfolger wird. Doch er ist nur ein mittelmäßiger Geschichtsprofessor, in ihren Augen ein Versager. Martha schuf sich einen Ersatz, gibt sich der Illusion hin, einen Sohn zu haben.

In der Nacht der Demütigungen putzt Martha ihren Mann nach allen Regeln der Verhöhnung vor den Gästen runter. Macht ihn lächerlich, nennt ihn Waschlappen, reizt ihn bis aufs Blut. Das jüngere Ehepaar ist entsetzt. Martha will Lust für den Augenblick, sucht kurzes Vergessen im Sex. Dafür hat sie Nick, den großen, blonden, kräftigen Biologen eingeladen. Sie schmeißt sich ungeniert an ihn ran. „Er hat ganz harte Muskeln“, röhrt sie und starrt dabei zu George hinüber.

Es ist der Abend von zwei großen Schauspielern. Bibiana Beglau ist Martha. Ihr Körper stets in Spannung, leicht gebogen, auf Angriff getrimmt und Abwehr, immer kampfbereit. Jeder Schritt ein schönes Raubtier. Jede Bewegung ein Aufschrei, jeder Blick eine Herausforderung. Martha, spärlich bekleidet, zuletzt entblößt, liebt im Grunde George. Im Ehekrieg kommen sie sich nahe, spüren hinter der Erstarrung Leben. Norman Hacker ist das eigentliche Zentrum der Aufführung. Sein George, locker und ironisch, behält die Übersicht, weiß genau, wie er Martha ins Herz trifft und den Schmerz platziert. Er, die Hände lässig in den Hosentaschen, will die Eheschlacht nicht, hält lange still. Dann zahlt er die Demütigungen brutal zurück, mit wehmütiger Trauer. Und beendet die Lebenslüge vom angeblichen Sohn. Mit der Welt ist er fertig, vielleicht kann er wenigstens die Liebe zu Martha retten. Zwei waidwunde Menschen streicheln auf der Bühne ihre Narben.

Das jüngere Ehepaar, besetzt mit Nora Buzalka und Johannes Zirner, hat es vom Stück her schwerer. Nick wird als Karrierist gezeigt, der sich auf Sex mit der Tochter des Rektors einlässt, um aufzusteigen. Er heiratete die reiche Honey, die ihm eine Schwangerschaft vortäuschte. Honey, angelegt als naives Weibchen, fürchtet sich vorm Kinderkriegen und hat früh begriffen, wie leicht man einen Mann um den Finger wickeln kann.

Martin Kusejs Inszenierung wird durch knappe Blackouts unterbrochen. Er setzt die einzelnen Szenen stärker voneinander ab, als wolle er einen Moment der Ruhe und des Nachdenkens schaffen. Aber die Stückelung schwächt die Intensität. Gespielt wird auf einem Laufsteg vor weißer Wand, an der Rampe liegt ein Scherbenhaufen von zerschlagenen Gläsern und leeren Flaschen. Reste von Unmengen Whisky, Brandy, Kognak. Der Scherbenhaufen als dickes Symbol für die Zerbrechlichkeit der Ehe. Autor Edward Albee spürt in diesem zeitlosen Stück den Ängsten jeder Beziehung nach und fragt: „Wer fürchtet sich vor einem Leben ohne falsche Illusionen?“ Die Frage wird ans Publikum weitergegeben. Es bedankt sich nach diesem intensiven, schmerzhaften Gastspiel mit minutenlangem Beifall.

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