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Vorsicht vor Experten

Warum die Gesellschaft keine Maschine ist und Professor Patzelt kein Autoverkäufer.

20.10.2017
Von Michael Bittner

vor Experten
Michael Bittner

© Ronald Bonß

Mein Mitkolumnist Werner J. Patzelt beklagte sich hier in der vergangenen Woche darüber, dass es Menschen gibt, die sich erdreisten, in politischen Fragen nicht seiner Meinung zu sein. Dabei sei er doch als Politikwissenschaftler ein Experte, dem man in Sachen Politik vertrauen müsse, so wie man einem Autokenner vertraue, der Experte für Automobiles ist. Ich möchte Professor Patzelt zunächst zu seinem eigenen Besten raten, in Zukunft weniger naiv zu sein: Mancher Autohändler mag Experte für Autos sein, ihm deswegen blind zu vertrauen, ist dennoch nicht ratsam. Es soll Leute geben, die ihr Wissen nicht immer zum allgemeinen Nutzen gebrauchen.

Noch ein weiterer Hinweis ist vielleicht hilfreich: Gesellschaften sind keine Autos. Ein Auto ist eine Maschine, die funktioniert oder nicht. In politischen Fragen spielen auch Überzeugungen und Ziele eine Rolle, die nicht aus dem Wissen um Tatsachen hervorgehen, sondern aus Charakter und Haltung.

Einer fühlt sich zum Beispiel zuerst der deutschen Nation verpflichtet, andere stattdessen den Geboten der Menschlichkeit, dem christlichen Glauben oder der internationalen Solidarität. Ziemlich platt scheint mir die Annahme, andere könnten nicht richtig denken, nur weil sie politisch anders denken. Professor Patzelt versichert uns allerdings, er vertrete nicht wie gewöhnliche Irdische eine politische Haltung, sondern als Wissenschaftler die objektive Wahrheit. Wer wollte widersprechen? Wer könnte besser beurteilen, ob Professor Patzelt objektiv ist, als Professor Patzelt? Wie richtig er liegen muss, zeigt sich für seine Anhänger ja schon daran, wie selten er über eigene Zweifel und Irrtümer redet.

Seltsamerweise gibt es zwar auch Politikwissenschaftler, die andere Auffassungen vertreten – aber die sind dann wohl unwissend oder parteiisch. Professor Patzelt hingegen hält sich selbst für einen neutralen Beobachter. Obwohl ich sonst vielen seiner Thesen zustimme, fällt es mir bei dieser schwer. Wenigstens scheint mir seine Kritik an linken Irrtümern doch ein wenig energischer zu sein als die an rechten. Ob sich der „Mann der Mitte“ selbst wundert, wieso ihm meistens nur von rechts applaudiert wird? Aber wahrscheinlich sind die Linken eben alle verblendet. Und die Rechten tragen ihren Namen, weil sie immer Recht haben.

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