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Vorsicht beim Glauben

Religiosität ist nichts an sich Schlechtes. Aber nie wieder soll Politik zum Gottesdienst werden!

30.09.2016
Von Werner J. Patzelt

beim Glauben
Werner J. Patzelt

© Bonß

Zu Bittners Schlussbemerkung von neulich: Wer tiefer schürft, kann nicht an der Oberfläche bleiben. Gerade in der Baugrube erkennt man, wovon oberirdische Stabilität abhängt. Wen bloß Projektionen interessieren, der gelangt nicht zum tragenden Grund. Und manches erkennt man nur in der Draufsicht.

Dazu gehört jenes analysefreie Themenfeld, um das die von meinen letzten Kolumnen ausgelöste Debatte kreiste. Auf ihm selbst wollte sich niemand an intellektuelle Arbeit machen. Sprungübungen am Nazi-Stöckchen reizten mehr. Dabei wies dieses, unübersehbar warnend, auf gefährliches und deshalb zu erkundendes Gelände. Dort gedeiht die unbemerkte, unkultivierte politische Religiosität so vieler im Lande. Die aber zeitigt jenes unkritische, rechthaberische, eifernde, ketzersuchende Glauben- und Vertrauenwollen, das arge Täuschungen, Verhärtung, Feindschaft hervorbringt. Deutsche geht das besonders an, denn allzu wahr trifft sie folgender Spott: „Deutsch sein heißt, etwas seiner selbst willen tun!“ – gerade in der Politik. Also ohne klaren Blick für die Erreichbarkeit von Zielen, die Verfügbarkeit von Mitteln, die Zeitspanne erforderlichen Einsatzes, die unwillkommenen Nebenwirkungen selbst guten Tuns. Worauf oft die entsetzte Frage folgt: Wie konnte es nur so weit kommen?!

Dieses verhängnisvolle Kulturmuster kritisiere ich. Wer wider alle Hoffnung glauben will, soll das in Kirchen, Synagogen, Moscheen und Tempeln tun, gern auch beim persönlichen Gebet im Alltag. Doch bitte nie beim politischen Handeln! Und keineswegs baue man darauf, Agnostiker oder Atheist zu sein, befreit vom suchterregenden Hochgefühl der Religiosität. Das stellt sich dann bloß andersartig ein: im Theater und Kino, bei Konzerten – oder auf Demonstrationen und Versammlungen, die sich um Politik drehen.

Religiosität ist nichts an sich Schlechtes, gehört wohl zum Menschsein, stiftet viel Gutes. Wertvoll ist sie auch als Zivilreligion, bei uns „Verfassungspatriotismus“ genannt, mit dem Grundgesetz als Heiliger Schrift aller Bundesrepublikaner. Doch es möge der Religion immer die Vernunft beigesellt sein, dem politischen Glauben, Hoffen und Vertrauenwollen stets die Betätigung nicht nur des Herzens, sondern auch des Verstandes. Und deshalb: Nie wieder „Politik als Gottesdienst“!

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