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Donnerstag, 10.08.2017 Perspektiven

Von wegen alles nur Gerümpel!

Staatliche Schulen und Lehrpläne kritisieren ist leicht. Dabei ist der Unterricht heute vielfältiger und besser als sein Ruf, sagen zwei Dresdner Direktoren.

Von Jens Reichel und Armin Asper

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Schlechte Nachrichten für Kinder und Kritiker: Die stressfreie Schule ist ein Hirngespinst.
Schlechte Nachrichten für Kinder und Kritiker: Die stressfreie Schule ist ein Hirngespinst.

© plainpicture

  • Schlechte Nachrichten für Kinder und Kritiker: Die stressfreie Schule ist ein Hirngespinst.
    Schlechte Nachrichten für Kinder und Kritiker: Die stressfreie Schule ist ein Hirngespinst.
  • Armin Asper (50) ist Direktor des Martin-Andersen-Nexö-Gymnasiums in Dresden.
    Armin Asper (50) ist Direktor des Martin-Andersen-Nexö-Gymnasiums in Dresden.
  • Jens Reichel (54) leitet das städtische Gymnasium Bürgerwiese Dresden.
    Jens Reichel (54) leitet das städtische Gymnasium Bürgerwiese Dresden.

Der Schriftsteller Volker Sielaff hat am Mittwoch in der Sächsischen Zeitung eine „polemische Einmischung“ zum Schuljahresbeginn veröffentlicht und dabei unter anderem stumpfes Pauken, starre Lehrpläne und frühe Unterrichtszeiten kritisiert. Heute antworten ihm die Direktoren zweier Dresdner Gymnasien in einem offenen Brief.

Lieber Volker Sielaff,

aufmerksam und neugierig haben wir in der Sächsischen Zeitung vom Dienstag Ihren Text „Die Schule entrümpeln, jetzt!“ gelesen. Leider wurden wir ein wenig enttäuscht: Nichts an Ihrer Kritik ist neu. Es wurde schon tausendfach gesagt, geschrieben, gedacht: Alles läuft schief in deutschen (insbesondere in sächsischen) Schulen. Nicht nur Richard David Precht sagt es in „Anna, die Schule und der liebe Gott“ oder auch die Schülerin Nina Püschmann hier in der Sächsischen Zeitung vor gut einem Jahr.

Sämtliche dieser „polemischen Einmischungen“ haben ein großes Problem: Sie werfen alles in einen Topf, Pädagogik, Didaktik, Methodik, Gesetze, Mitbestimmungsmöglichkeiten, Lehrerpersönlichkeiten, Schüler, Verwaltung, unterschiedliche Schulformen. Für viele Kritiker gibt es sowieso nur „Die Schule“, Unterschiede werden nur in Klammern zugelassen. Und dann wird über alles „Bildungspolitik“ geschrieben. Das besonders Fatale daran ist, dass damit gleichzeitig jegliche Eigenverantwortung, jegliches Mitdenken, Mithandeln an die „Bildungspolitik“ scheinbar abgegeben werden kann. Wer oder was ist das aber? Sind wir vielleicht doch mitverantwortlich? Wir, als die Gestalter von Schule, aber auch Eltern, Künstler, Wissenschaftler, Wähler?

Machen wir das an einigen Beispielen fest. In jedem von Ihnen so gescholtenen sächsischen Lehrplan für die Gymnasien steht: „Die Schüler erwerben Lernstrategien, die selbstorganisiertes und selbstverantwortetes Lernen unterstützen und auf lebenslanges Lernen vorbereiten (Lernkompetenz). Sie entwickeln interkulturelle Kompetenz, um offen zu sein, sich mit anderen zu verständigen und angemessen zu handeln. Im Mittelpunkt der Entwicklung von Lernkompetenz stehen Lernstrategien.“ Das steht da und ist damit Gesetz. Lehrpläne bestehen schon lange nicht mehr aus der Abfolge von Lernbereichen.

Warum es dann nicht immer umgesetzt wird, werden wir oft gefragt. Und damit sind wir beim Wesentlichen, den Lehrenden. Auch ohne Studium der Hattie-Studie wissen wir, dass die Lehrerin, der Lehrer das Entscheidende im Schulleben eines Kindes ist. Wir brauchen gute, gut ausgebildete und viele Lehrende. Menschen, die die entscheidenden Vorgaben von Schulgesetz und Lehrplänen umsetzen wollen und können. Diese gibt es. Aber eben leider nicht genug. Wie nach den letzten Veröffentlichungen bekannt wurde, haben hier alle Bundesländer denselben Fehler gemacht. Mangelnder Weitblick bei Lehrerausbildung und -einstellung in den vergangenen Jahren führt ins absehbare Personalchaos an fast allen Schulen Deutschlands.

Ob die personalpolitischen Weichenstellungen in Sachsen ausreichen, etwa durch ein Maßnahmenpaket zur Gewinnung von Lehrkräften, wird die Zukunft zeigen. Wir sind da eher skeptisch. Wenn in dieser Zeitung unlängst die Schlagzeilen lauteten: „Das Schuljahr startet mit Unterrichtsausfall“ und darunter: „Sachsen liegt vorn beim Schuldenabbau“, muss die Fragen gestattet sein, was der Regierung wichtiger ist. Noch ist Sachsen für zukünftige Lehrer bezüglich der Vergütung und der Arbeitszeit im Vergleich mit anderen Bundesländern nicht attraktiv. So weit die Verantwortung der „Bildungspolitik“.

In Ihrem Rundumschlag wenden Sie sich aber auch gegen Akteure vor Ort, gegen „Schule“ eben. Sie schimpfen über den zeitigen Unterrichtsbeginn, als sei er gottgegeben. Die Rhythmisierung – der zeitliche Ablauf eines Schultages – vom Beginn über Pausen bis zum Schulschluss ist Sache der Schulkonferenz. Die gewählten Vertreter von Schülern, Eltern und Lehrern stimmen darüber ab. Aus vielen Diskussionen wissen wir, dass oft gerade Schüler und Eltern für einen zeitigen Beginn plädieren, um insbesondere die Freizeit am Nachmittag gestalten zu können. Am Martin-Andersen-Nexö-Gymnasium haben sich vor eineinhalb Jahren in einer Abstimmung über zwei Drittel der Eltern gegen den späteren Schulbeginn ausgesprochen. Auch hier spielen also verschiedene gesellschaftliche Zusammenhänge eine Rolle. Schuld ist nicht die „Bildungspolitik“.

Lehrmittelfreiheit ist ein hohes Gut. Wir versichern Ihnen, dass wir sorgsam mit den uns anvertrauten Mitteln umgehen. Dass in diesem Jahr die Schulbücher in Dresden zu spät (und nicht gar nicht, wie Sie unterstellen) geliefert werden, ist kein Fehler im System, sondern einfach menschliches Unvermögen im Umgang mit modernen Bestellprozessen. Dafür gab es bereits eine öffentliche Entschuldigung, und der Fehler wird nicht wieder passieren. In der DDR hat es so etwas nicht gegeben, schreiben Sie sinngemäß. Was wollen Sie damit sagen? Was hat es da nicht gegeben? Dass eine Behörde einen Fehler macht oder dass sich ein demokratisch legitimierter Behördenleiter öffentlich entschuldigt und für Transparenz gegenüber den Betroffenen sorgt? Kein wirklicher Grund zur Aufregung.

Besonders irritieren uns Ihre Behauptungen zur Qualität von Schule und Unterricht. Hier suggerieren Sie, dass sich an staatlichen Schulen seit hundert Jahren nichts geändert habe und nach wie vor Auswendiglernen und Stoffpauken den Alltag bestimmen würde. Und natürlich erziehen wir in den staatlichen Schulen nur treudoofe Untertanen und Stimmvieh, so Ihre Diagnose. Reformpädagogische freie Schulen können hier nach Ihrer Meinung am besten Abhilfe schaffen.

In den sächsischen Lehrplänen ist die Kompetenzvermittlung im Verhältnis zum Wissenserwerb mindestens gleichrangig. In Frankfurt fand im Juli zu Fragen des Bildungsstandards eine Fachkonferenz mit dem Titel „Kompetent in Kompetenz?“ statt. Längst wird sogar darüber diskutiert, ob die Kompetenzorientierung nicht zu weit getrieben wurde und Kompetenzvermittlung ohne Wissen und Inhalte ein sinnvolles Bildungskonzept ist.

Ein Besuch in einer staatlichen sächsischen Schule würde Ihnen zeigen, wie vielfältig die Formen des Lehrens und Lernens geworden sind. Von instruierendem und lehrerzentrierten Unterricht, fälschlicherweise als „Frontalunterricht“ diskreditiert, bis hin zu von Schülern selbst organisierten Projektunterricht. Entscheidend ist, dass es nicht „die“ allein glücklich und schlau machende Methode gibt und erst im Mix der Schüler die Möglichkeit erhält, sich umfassend zu bilden. In diesem Zusammenhang ist Ihre Annahme falsch, dass „gutes Lernen“ „ohne Stress“ erfolgen könne. Lernen ist, bei allem Spaß, den man dabei haben kann und sollte, eben auch anstrengend, und Anstrengung ist eine wichtige Komponente für den Lernerfolg, gleich in welcher Unterrichtsform. Der renommiert Bremer Lernforscher Gerhard Roth formuliert es überspitzt: „Die stressfeie Schule ist ein Hirngespinst“. Es ist aber eine große Herausforderung für die Schule, die Anstrengung richtig zu dosieren und ein angstfreies und motivierendes Lernklima zu schaffen.

Der Auftrag des §1 des sächsischen Schulgesetzes lautet: „Die schulische Bildung soll zur Entfaltung der Persönlichkeit des Schülers in der Gemeinschaft beitragen“. Genau das tun wir. Erfolgreich. Im September 2016 haben landesweit über zwanzigtausend Schüler zum Teil mit kreativen und originellen Aktionen gegen die Bildungspolitik demonstriert. Das Beispiel zeigt: Wir erziehen keine „braven Staatsbürger“, sondern wache, selbstbewusste junge Menschen, die in der Lage sind, Zusammenhänge herzustellen, Sachverhalte kritisch zu hinterfragen und sich angemessen zu artikulieren. Sie werden von uns befähigt, sich in einer pluralistischen Gesellschaft ihren Platz zu suchen. Und selbstverständlich schreibt Sachsen hier nicht nur „negative Schlagzeilen“. In den letzten drei Jahren standen jedes Mal sächsische Schüler im Finale des Bundeswettbewerbs „Jugend debattiert“. In diesem Jahr hat die erst vierzehnjährige Sarah Lange aus Freital den Bundeswettbewerb gewonnen. Am staatlichen Weißeritzgymnasium wurde sie befähigt, kritische Fragen zu stellen, ihre Meinung zu sagen und sich mit den Meinungen anderer auseinanderzusetzen.

Zu guter Letzt sorgt das Neben- und zum Teil auch Miteinander von staatlichen und freien Schulen in Dresden und im Umland dafür, dass es für jedes Kind die passende Schule gibt. Aber selbstverständlich gilt auch für freie Träger der Artikel 7 des Grundgesetzes und die staatliche Schulaufsicht. Das ist Qualitätskontrolle. Wir begrüßen es, dass eine freie Schule, die eine staatliche Schule ersetzen möchte, die gleichen Bildungsstandards garantieren muss. Die aktuelle Diskussion um eine „Unischule“ in Dresden zeigt, dass hier „den Freien die gleiche Chance eingeräumt wird, ihre Idee von Schule in die Tat umsetzen zu dürfen“.

Lieber Herr Sielaff, wir laden Sie ein, mal wieder eine staatliche Schule von innen anzuschauen. Im ganz normalen Alltag. Und dann reden wir gerne weiter.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 15 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. S.P.

    Getroffene Hunde bellen. Hoch die sächsische Schulpolitik.Alles in Butter.

  2. Besseresser

    Ich bin froh, dass dieser etwas "eigenartige" Beitrag gestern von Herrn Sielaff nicht unbeantwortet bleibt.

  3. Maria

    Danke an die Autoren! Eine kompetente Antwort, müsste es öfters geben. Und an die ewig Meckernden: Natürlich geht das Verbessern immer, aber einfach nur pauschal nörgeln und "auf Besserwisser machen" ist leider in dieser Gesellschaft zur Normalität geworden.

  4. Stefan Spreer

    !!! Herr Sielaff schätzt die Situation sehr real ein. Ich habe die letzten zwei Jahre wöchentlich eine Grundschule von innen erlebt, habe dort eine Schulbücherei betreut. Die Pädagogen leisten eine sehr gute Arbeit. Das System, die Bildungspolitik und die Eltern sind für mich das Problem. !!!

  5. Kerstin Schuster

    Die wichtigste Passage für mich: "Wenn in dieser Zeitung unlängst die Schlagzeilen lauteten: „Das Schuljahr startet mit Unterrichtsausfall“ und darunter: „Sachsen liegt vorn beim Schuldenabbau“, muss die Frage gestattet sein, was der Regierung wichtiger ist. Noch ist Sachsen für zukünftige Lehrer bezüglich der Vergütung und der Arbeitszeit im Vergleich mit anderen Bundesländern nicht attraktiv." #4. Lieber Herr Spreer, wenn es keine Eltern gäbe, gäbe es keine Schüler. Ich hoffe, sie meinten "einige Eltern" und nicht "die Eltern".

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