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Freitag, 26.02.2016

Von oben gesteuert und zensiert

Eine Ausstellung in Dresden behandelt die Gleichschaltung der Medien in der DDR.

Von Nina Schirmer

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Es gibt eine ganze Reihe Vorwürfe, die man gegen manche Medienberichte erheben kann. Etwa verengte Blickwinkel, überzogene Schlagzeilen, Einseitigkeit, Sensationsgier. Wenn bei Pegida oder AfD-Demonstrationen aber die Parole von der „Lügenpresse“ laut wird, geht es oft um eine ganz bestimmte Anklage: Zeitungen und Rundfunk seien gleichgeschaltete Staatsmedien, indoktriniert von der Regierung. Vergleiche mit den Systemmedien der DDR sind schnell gezogen. Dass diese Gleichsetzung die Realität völlig verzerrt, macht die Ausstellung „Rotstift. Medienmacht, Zensur und Öffentlichkeit in der DDR“ deutlich, zu sehen in der Dresdner Außenstelle der Stasi-Unterlagen-Behörde. Sie erläutert auch, wie Medien in der Diktatur vereinnahmt wurden. Schautafeln zeigen historische Dokumente, darunter Lizenzurkunden, Anweisungen an Redaktionen mit festgelegten Tabus und Veröffentlichungsverboten.

Festgelegte Tabuthemen

Offiziell garantierte die Verfassung der DDR zwar Meinungs- und Pressefreiheit. Jegliche journalistische Tätigkeit war aber umfassend in den Partei- und Staatsapparat eingebunden. Die Staatspartei SED hatte Zugriff auf jede Veröffentlichung und beherrschte die Zeitungslandschaft. Fast alle Zeitungen waren Organe der SED, gehörten einer ihrer Massenorganisationen an oder wurden von den gleichgeschalteten Blockparteien herausgegeben.

Einmal in der Woche berief das Zentralkomitee der Partei Sitzungen ein, zu denen alle Chefredakteure erscheinen mussten, und gab Anleitungen an die Presse weiter: Argumentationsanweisungen und detaillierte Vorgaben für Formulierungen, Aufmachung und Platzierung von Beiträgen. Auch das Presseamt, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit des Ministerrats, gab mehrmals in der Woche genaue Anweisungen an die Redakteure heraus.

Für die Journalisten gab es absolute Tabuthemen, beispielsweise die Strafjustiz in der DDR oder alle Themen, die die Mauer betrafen. Eigene politische Beiträge durften Redakteure nur auf direkte Anweisung durch das Zentralkomitee verfassen. Kritik an systemimmanenten Problemen war nicht zulässig.

Ein weiteres entscheidendes Instrument der Presselenkung war die Lizenzpflicht, der alle periodisch erscheinenden Presseerzeugnisse unterlagen. Der Staat entschied, wer veröffentlichen durfte. Lizenzen wurden seit 1962 ausschließlich durch das Presseamt vergeben. Außerdem war dem Presseamt der Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst, die Agentur ADN, untergeordnet. Sie lieferte Nachrichten als Arbeitsgrundlage an alle Redaktionen.

Die Parteiführung steuerte auch die Ausbildung des journalistischen Nachwuchses. Die einzige universitäre Ausbildungsstätte für Journalisten war die Sektion Journalistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig, die der direkten Aufsicht der Abteilung „Agitation und Propaganda“ des Zentralkomitees unterstellt war. Im Volksmund hieß die berüchtigte Kaderschmiede das „Rote Kloster“.

Letztendlich standen in der DDR alle Etappen publizistischer Tätigkeit von der Auswahl der Journalisten über Themenvorgaben, redaktionelle Anweisungen bis hin zum Druck und Vertrieb sowie der nachträglichen Kontrolle des Veröffentlichten unter dem Diktat der SED. Oppositionsgruppen konnten eine Gegenöffentlichkeit nur im Verborgenen aufbauen und wurden von der Staatssicherheit infiltriert.

Wer diese diktaturgeprägten Erscheinungen auf heutige Verhältnisse übertragen will, muss die Realitäten gezielt missdeuten. So müssen Journalisten seit 1990 nicht mehr Mitglieder einer Regierungspartei sein. Ebenso wenig darf ein Medium einen politischen Kommentar nur nach vorheriger Kontrolle durch Parteivertreter veröffentlichen. Auch gibt es im Gegensatz zu früher in keiner Redaktion Vorschriften, über welches Thema wie, wo und mit welchen Worten berichtet werden muss. Der größte Unterschied: Leser können heute zwischen diversen Zeitungen wählen, die von sehr links bis sehr rechts das komplette politische Spektrum abdecken.

Die Ausstellung „Rotstift. Medienmacht, Zensur und Öffentlichkeit in der DDR“ wird bis 11.3. in der BStU-Außenstelle Dresden gezeigt. Der Eintritt ist frei.

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Bernd

    "Von oben gesteuert und zensiert"...na ja, mein WE ist gerettet. "Der größte Unterschied: Leser können heute zwischen diversen Zeitungen wählen, die von sehr links bis sehr rechts das komplette politische Spektrum abdecken" Gut das wir noch nicht verlernt haben zwischen den Zeilen zu lesen...

  2. Berg

    Das allgemeine Ziel damals, eben ab 149, war. ALLE verbliebenen Menschen in das Wiederaufbauwerk einzubeziehen, Sozialdemokratische wie Kommunisten, Liberale wie Christliche und Parteilose, Atheisten, Gläubige. Alle gründeten ihre Partei oder blieben parteilos. Aber der Staat wollte ALLE einbeziehen. Schließlich wurden ALLE gebraucht, vom Ziegelputzer bis zum Architekten. Jedem eine Ausbildung! Jedem eine Arbeitsstelle! Entsprechend hoffnungsvoll, optimistisch, einladend, positiv, friedlich sollte es in Radio und Zeitung zugehen. Die Opposition kam sowieso über die Medien aus dem Westen; die brauchten wir uns nicht noch selber zu machen. ALLE Volkskammerabgeordneten sollten mitregieren. ALLE Werktätigen sollten gewerkschaftlich organisiert sein. So haben wir das damals verstanden. Dass das nicht jedem passte, war abzusehen.

  3. Axel

    Na bloß gut, das die heutige Regierung nicht die Medien steuert.

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