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Freitag, 12.05.2017

Von der Hassliebe der Nationalisten zum Islam

Volker Weiß lässt die Ideologie der Neuen Rechten ziemlich alt aussehen.

Von Michael Bittner

Die rechtsextreme Bewegung Pro-NRW demonstriert 2012 in Köln gegen Salafisten. Es war die Geburtsstunde der großen Anti-Islam-Protestwelle in Deutschland.
Die rechtsextreme Bewegung Pro-NRW demonstriert 2012 in Köln gegen Salafisten. Es war die Geburtsstunde der großen Anti-Islam-Protestwelle in Deutschland.

© dpa

Kaum hatte der Historiker Volker Weiß zur Leipziger Buchmesse sein Buch „Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“ vorgestellt, wurde er vom rechtsradikalen Aktivisten Götz Kubitschek schon bestürmt und angepöbelt. Kubitschek, der vor den Kameras der Mainstream-Medien gerne als melancholischer Rechtsintellektueller posiert, entlarvte sich einmal mehr als wildgewordener Spießbürger. Und weckte mit seinem bizarren Auftritt nur noch mehr Neugier auf das ohnehin schon erfolgreiche Buch bei all jenen, die der Volksweisheit Glauben schenken, dass lautes Gekläff gewöhnlich einen Treffer anzeigt.

Panik vor dem „Volkstod“

Ein treffliches, fesselndes, bisweilen brillantes Buch ist „Die autoritäre Revolte“ in der Tat. Nicht zuletzt liegt dies daran, dass der Autor ohne die alarmistische Entrüstung und die weinerliche Betroffenheit auskommt, die viele andere Schriften „gegen rechts“ ungenießbar machen. Sein Ton ist sachlich, nur gelegentlich mild ironisch.

Volker Weiß lässt die Ideologie der Neuen Rechten ziemlich alt aussehen, indem er kenntnisreich ihre Quellen bei den Rechtsradikalen der Weimarer Republik aufdeckt. Damals mobilisierten wie heute die Feinde der liberalen, pluralistischen Demokratie einen extremen Nationalismus, um die ihnen verhasste moderne Gesellschaft durch eine „Revolution von rechts“ zu zerstören. Der Albtraum der Nationalisten war und ist der „Volkstod“, den die politische, kulturelle und ethnische Vielfalt der liberalen Gesellschaft unvermeidlich bringe. Denn ein echtes Volk ist für Nationalisten einzig denkbar als wesentlich unveränderliche, hierarchisch gegliederte Schicksalsgemeinschaft mit unvermischtem Blut auf ureigenem Boden. Nur auf Eroberungszüge darf das Volk ab und zu in die Fremde ausrücken.

Diesen Nationalismus diskreditierte die Katastrophe des Nationalsozialismus in Deutschland nachhaltig. Doch die radikale Rechte formierte sich nach dem Zweiten Weltkrieg neu. Wieder anschlussfähig machte das rechte Denken, wie Weiß detailliert schildert, der Schriftsteller Armin Mohler, ein persönlicher Schüler von Ernst Jünger und Carl Schmitt. Sein Buch über „Die konservative Revolution“ wurde zur Fundgrube für alle radikalen Rechten bis hin zu Götz Kubitschek. Nicht zuletzt war es der Titel des Buches, der wirkte: Ein weites Feld nationalistischen Denkens wurde vom Nationalsozialismus begrifflich abgegrenzt und als bloß „konservativ“ ausgegeben, obwohl auf ihm tatsächlich oft Faschismus und Rassismus blühten.

Die äußerliche Distanzierung vom Nationalsozialismus ist auch heute noch eine der Strategien von Gruppen wie den „Identitären“. Doch ihre Masche, Worte wie „Blut“ und „Rasse“ durch unverfänglichere wie „Identität“ und „Kultur“ zu ersetzen, ist allzu durchschaubar. So blieben die Neurechten trotz aller Aufmerksamkeit heischenden „Provokationen“ lange eine Randerscheinung – bis die „Flüchtlingskrise“ und der islamistische Terror ihnen unerwartet eine Massenbasis bescherten. Auf Pegida und die Alternative für Deutschland hat eine abseitige Gestalt wie Götz Kubitschek nun beträchtlichen Einfluss – ein Mann wohlgemerkt, der davon träumt, die Demokratie durch ein „neues 1933“ zu „zerschlagen“.

Demokratie als absoluter Feind

In aufschlussreichen Kapiteln erläutert Volker Weiß verschiedene wichtige Aspekte der neurechten Bewegung, so etwa, wie das sinnentleerte Schlagwort „Abendland“ als „Kampfbegriff“ Antrieb und Anziehungskraft verleiht oder wie das einstmals von Rechten als Hort des Bolschewismus verdammte Russland nun als „Bastion gegen die Einflüsse westlicher Dekadenz“ verherrlicht wird.

Der Buchschluss bietet eine überraschende, für einige Leser gewiss unangenehme Pointe. Weiß stellt überzeugend heraus: Der Islam ist gar nicht, wie oft angenommen, der Hauptfeind der neurechten Bewegungen. Lediglich die Einwanderung von Muslimen nach Europa lehnen sie ab. Mit dem Islam in der Ferne als streng autoritärer, auf geschlossene Identität bedachter Kultur verbindet die Neurechten sogar „eine Art Hassliebe“. Der „absolute Feind“ der europäischen Identitären ist derselbe wie jener der Islamisten: die westliche Demokratie und ihr Individualismus, ihre Vielfalt, ihre Idee der universalen Menschenrechte. Diese Demokratie wird von europäischen und islamistischen Identitären derzeit zugleich in die Zange genommen.

Deutlich kritisiert Weiß auch „die Konfliktvermeidung liberaler westlicher Eliten“, die aus falschem „Respekt“ vor fremder „Identität“ ängstlich davor zurückscheuen, Fundamentalismus und Frauenverachtung in islamischen Gemeinschaften anzusprechen. Auf diese Weise liefern Linke und Liberale den neurechten Ideologen Argumente für den Kulturkampf.

Die autoritäre Revolte von rechts, so ließe sich der finale Appell des Buches zusammenfassen, lässt sich nur abwehren, wenn auch dem autoritären Islamismus der Kampf angesagt wird.

Volker Weiß: „Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“. Klett-Cotta, 320 S., 20 Euro