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Vom Gift politischer Korrektheit

Dass man Regeln übertreten kann, beweist durchaus noch nicht, dass es sie nicht gibt.

22.07.2016
Von Werner J. Patzelt

politischer Korrektheit
Werner J. Patzelt

© Ronald Bonß

Zur politischen Korrektheit ist durchaus mehr zu bedenken, als in der Kolumne vom letzten Freitag stand. Denn haben wohl die Kapitalisten die Klassenverhältnisse des 19. Jahrhunderts kritisiert? Oder beklagten sich im vor-aufklärerischen Europa Christen der jeweils vorherrschenden Konfession über mangelnde Religionsfreiheit? Nein. Stets rebellierten jene, die nicht das Sagen hatten, sondern gesagt bekamen, was sie meinen sollten. Dagegen begehrten sie auf – erst innerlich, dann untereinander, später öffentlich. Und das ruppig, oft ohne Anstand, auch bedrohlich.

Warum also sollte sich zu Zeiten christliberal-sozialgrünen Mehrheitskonsenses in Politik und Publizistik jemand über Gebote und Verbote politischer Korrektheit beschweren, solange diese die eigenen Empfindungs- und Denkweisen schützen? Wer wollte gegen solche Regeln wettern als jene, die anhand durchgesetzter Denk- und Redestandards als dumm oder schlecht ausgegeben werden? Und mag gerade eine über Ausgrenzungserfahrungen empörte Sprache zum Idiom der Etablierten passen?

Gestritten wird einmal mehr um die politisch-kulturelle Vorherrschaft. Solche Kämpfe sind nicht leicht zu ertragen. Wenigstens geht es heute in einer freiheitlichen Demokratie nicht ums Ganze, sondern nur um Akzente. Dass man Vorherrschendes dabei nicht infrage stellen darf, werden nur Stockkonservative im Ernst behaupten. Den anderen geht es um diskursive Feldvorteile. Wer die Streitenden nicht parteiergreifend beobachtet, sondern als Analytiker, der erkennt zweierlei. Erstens: Dass man Regeln übertreten kann, beweist durchaus nicht deren Fehlen. Zweitens: Viele erzürnt es, wenn fraglos bestehende Redefreiheit dadurch beeinträchtigt wird, dass sich politische Gegner die ins Gespräch eingebrachten Behauptungen oft nicht einfach durch Rekurs auf Fakten und Logik vornehmen, sondern für falsch Gehaltenes stets auch nach gut oder schlecht, nach anständig oder unanständig sortieren – und die Streitgegner gleich mit.

Persönliche Ehrabschneidung wird dann mit Argumenten vermengt, ja dient oft als deren Ersatz. Genau das ist jenes Gift politischer Korrektheit, welches üble Reaktionen auslöst. Verzichten wir also besser auf solches Gift – und streiten wir auch über Politik einfach mit Fakten und mit Argumenten!

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