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Freitag, 26.02.2016

Vollpumpen statt vertiefen

Deutsche Schüler lernen vieles, aber nicht, wie man einen Knopf annäht oder etwas Vernünftiges kocht. Zielt also der Unterricht am wirklichen Leben vorbei?

Von Nina Püschmann

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Hauptsache scheint es für Schüler zu sein, Wissen aufsagen zu können.
Hauptsache scheint es für Schüler zu sein, Wissen aufsagen zu können.

© Symbolfoto: dpa

Ich habe keine Ahnung, wer oder was jemals bestimmt hat, dass die Spezies Homo Sapiens Sapiens auf dieser Erde leben darf. Ich weiß nur, dass uns der oder das diese eine Chance gegeben hat, zu leben. Im Wahlgrundkurs Rhetorik (man achte auf die aussagekräftigen Bezeichnungen) habe ich gelernt, dass dem Menschen aufgrund seiner Menschheitsgeschichte ein Sprachzentrum gegeben wurde. Fakt ist also, dass wir irgendwelche Laute formen können. In unserer Hand liegt es dann aber, welche Wörter wir gerne sagen möchten.

Vor ein paar Hundert Jahren kamen die Menschen darauf, dass es vielleicht ganz praktisch wäre, wenn die Kinder bereits etwas für ihr Leben lernen könnten. Ich denke, die Bezeichnung dafür – Schule – dürfte jedem geläufig sein. Man achte jedoch darauf, dass dieser unglaubliche Lernort Schule eigentlich dafür bestimmt war, auf das Leben vorzubereiten, den Schülern den Weg da draußen zu erleichtern.

Jetzt gehe bitte mal jeder Schüler in sich und überlege, was genau er denn schon gelernt hat, was ihm den bevorstehenden Alltag erleichtern könnte. Tjaaa … Ich ehrlich gesagt habe weder in der Schule gelernt, wie man sich gesund ernährt, mal einen Knopf annäht, etwas anderes als Nudeln kocht noch wie man eine Steuererklärung schreibt. Ich entschuldige dieses Beispiel, aber aufgrund der immerpräsenten Aktualität der Steuererklärung musste es einfach mit hinein.

Ich habe schon mehrmals versucht, Lehrer danach zu fragen, aber es kam bisher immer eine ähnliche Antwort, dass dies doch bitte Aufgabe der Eltern sei. Wie bitte? Ich verbringe acht Stunden meines Tages mit Lehrern, vielleicht drei mit meiner Familie – wer hat also mehr Zeit für mich und wer bekommt noch mal Geld fürs Lehren? Ich kann ja mal meine Mathelehrerin fragen, wer mehr Zeit mit mir verbringt, denn die einstelligen Ohne-Komma-Zahlen verwirren mich total.

Das wäre der nächste Punkt: Ich bin einverstanden damit, dass wir mehr als nur hausgebräuchliche Mathematik anwenden, aber jetzt mal ohne Mist, wozu wird Ottonormalverbraucher zum Beispiel Ortskurven brauchen? Ich meine, im Alltag und Leben, Mathematiker sind ausgenommen, das wäre ja zu einfach. Natürlich kommt es immer auf die Richtung an, die jeder Einzelne später einmal einschlagen will, deshalb darf man dies nie verallgemeinern. Aber ich bin mir nichtsdestotrotz sehr sicher, dass jedem Schüler der Oberstufe ein paar Hundert Dinge einfallen, die er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr benötigen wird.

In den vergangenen Jahren habe ich natürlich über den Sinn der Schule nachgedacht und gezweifelt, aber ich habe es so hingenommen. Aber jetzt, wo ich im Abitur angekommen bin, auf das ja die gaaanze Schulzeit hingearbeitet wurde, frage ich mich täglich, warum ich mir das Ganze denn wirklich überhaupt antue. In Bio, ob ich jemandem jemals das Singer-Nicolson-Modell von Lipiddoppelschichten erklären werde, ob Van-der-Waals-Bindungen meine Zukunft beeinflussen könnten oder ich wegen 13 Punkten im Gedichtvergleich ein anderer Mensch bin. Ich bin mir ja sicher, dass man nie wissen kann, wohin es einen verschlägt und was man einmal wissen muss. Aber ich suche nach einem Sinn in dem, was wir lernen. Und ansatzweise ist dieser sogar manchmal zu erkennen: Interpretieren, um den Text zu verstehen; Rechnen, um bei verschiedensten mathematischen Problemen einen Ansatz zu finden; und Sprachen, um sich in unserer Welt zu verständigen.

Jedoch frage ich mich, ob es wirklich notwendig ist, Schülern so viel Wissen wie nur irgend möglich einzupumpen, oder sich vielleicht vertiefter mit lebensrelevanten Stoffgebieten zu beschäftigen.

Wir Schüler werden in diesen Einheitskasten hineingedrückt, wir werden gezwungen, Allrounder zu sein. Was bringt mir das denn schon, wenn ich in Mathe 14 Punkte habe, dafür aber in Englisch nur fünf? Es zählt doch am Ende der (alles entscheidende!) Numerus Clausus, da wäre es doch wirklich angebrachter, überall 13 dieser Punkte zu haben. Aber mal ehrlich, Informatik-Genies mögen in ihrem Stoffgebiet die absoluten Überflieger sein, in Sprachen aber im Gegenzug nicht allzu berauschend. Man stelle sich vor, diese Leute bekommen wegen eines niedrigen NC ihren mehr als verdienten Studienplatz nicht und machen somit vielleicht denkbare Neuentdeckungen oder Revolutionen nicht. Ich übertreibe, aber es geht um die Sache. Was sagt also dieser NC über uns aus? Wirklich, wie gut wir sind? Ich bin der Meinung, dass dieses Gemache absoluter – Entschuldigung – Pustekuchen ist. Es sollte Schülern möglich sein, nicht nur die zwei Leistungskurse und einige Grundkurse zu wählen, sondern mehr Einfluss auf ihren eigenen Lernstoff zu haben.

Denn was bringt es mir, 14 verschiedene Fächer zu haben, in denen ich überall mittelmäßig glänzen muss, oder doch lieber zehn, auf die ich mich viel mehr konzentrieren kann? Je mehr man an diesem Thema kratzt, desto unwirklicher wird die ganze Sache. Im Gegenzug muss man natürlich auch wieder erwähnen, dass junge Schüler, denen eine Idee für die berufliche Richtung in der Zukunft fehlt, von einem breiten Informations- und Lernspektrum ja profitieren und in verschiedene Bereiche bereits einmal hereinschauen können. Was ich jedoch klar anzweifle, ist die Intensität und Masse des Lernstoffes, die wir beherrschen müssen.

In der vergangenen Woche habe ich meine Deutsch-Grundkurs-Klausur zurückbekommen. 14 Punkte, also eine glatte Eins. Ich habe mir meine wirklich absolut lebensverändernde Klausur danach noch einmal durchgelesen und mir wurde alles immer unschlüssiger.

Warum, warum lieber Gott, bekomme ich 14 Punkte, wenn ich mir einen – noch einmal Entschuldigung, vor allem an meine Deutschlehrerin – Zahn abkaue darüber, wie sehr denn das lyrische Ich in die Natur flüchtet und dabei das Wortfeld Entspannung die größte Rolle spielt.

Es ist so komisch, was wir aufrecht gehenden Säugetiere unternehmen, um uns das Leben so schwer wie möglich zu machen. Ich weiß, dass dieser Text vor Sarkasmus trieft, aber dies ist mein voller Ernst. Unser Schulsystem benötigt eine Generalüberholung. Wie kann es sein, dass ein Handy nach wirklich allerspätestens zwei Jahren als alt abgestempelt wird, wir im Gegenzug dazu aber immer noch unser hundert Jahre altes Schulsystem haben? Wie kann es sein, dass man etwas lernt, aber nicht weiß, wofür? Wo bitte liegt der Sinn?

Es macht mich so traurig zu wissen, dass die Schulzeit für mich schon immer eine mehr oder weniger „unnütze Sache“ dargestellt hat, so merkwürdig das auch klingen mag. Nicht meiner Noten wegen, nein, im Gegenteil: Ich habe in den vergangenen Jahren stets zu den guten Schülern gehört, ohne das jetzt großspurig klingen zu lassen. Es liegt daran, dass mich dieses Schulsystem in einer Weise kaputtspielt.

Man versteht so manchen Lernstoff nicht, versucht ihn aber natürlich aufgrund des Leistungsdrucks trotzdem zu lernen, um ihn danach sofort wieder zu vergessen. Bulimielernen trifft die Sache wohl am ehesten. Wir stopfen das „Wissen“ (in Anführungsstrichen deshalb, weil ich vermute, dass Wissen brauchbar ist und im Alltag hilft, mancher Lernstoff meiner Meinung nach häufig nicht) in uns hinein, um es einen Tag nach der Leistungsfeststellung wieder auszukotzen. Bitte entschuldigen Sie nochmals diese Wortwahl.

Ich habe diesen Leistungsdruck jetzt schon beinahe elf Jahre ausgehalten und hoffe auf ein gutes Abitur. Ich sehe oftmals wenig Sinn in den Sachen, die ich lerne, und bemühe mich lediglich für den – wirklich alles entscheidenden – Numerus Clausus. Und ich weiß, dass so ein Text natürlich auf viel Kritik stoßen wird, jedoch rufe ich alle dazu auf, nachzudenken, ob wir in manchen Belangen nicht doch noch in der Steinzeit hängen geblieben sind.

Unsere Autorin: Nina Püschmann, geboren 1998 in Dresden, besucht die 11. Klasse des Gymnasiums Bürgerwiese.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlichen wir kontroverse Texte, die zur Diskussion anregen sollen.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 34 Kommentare

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  1. Aleister Crowley

    Gestern live erlebt: Frage Betreuer an Azubi (Fachinformatiker 1. LJ): Welche Netzspannung haben wir in Deutschland? Azubi: Weiß ich doch nicht, bin ich Elektriker? - Ein Hoch auf unser Bildungssystem!

  2. Kritiker

    Liebe Frau Püschmann, Ihr Artikel strotzt vor Arroganz , Ignoranz und vor allem Polemik. Es zwingt Sie doch keiner, Ihr Abitur abzulegen. Dann gehen Sie doch zur z.B. Volkshochschule und bieten Sie einen Strickkurs an. So müssen Sie sich nicht täglich mit Ihren Selbstzweife ln rumschlagen. Übrigens...der Lehrplan, dessen Inhalte nun mal (leider) für ein Bestehen des Abiturs vorgegeben Und verbindlich sind, entspringt nicht einem bösen Lehrerhirn. Sie sollten wissen, dass nicht die Lehrer das Problem sind, sondern dieses woanders zu suchen ist. Sie haben vielleicht doch noch einiges zu lernen...

  3. Michael H.

    Man darf von Schule nicht zu viel erwarten. Lernen ist das ganze Leben und vieles lernt man an anderen Orten. Kochen, nähen, Steuererklärung: Eltern oder Großeltern sind da eine gute Anlaufstelle. Im günstigsten Fall hält Schule das mitgebrachte Interesse an möglichst vielen Dingen wach, und nach meiner Erfahrung gibt es kein unnützes Wissen, irgendwann kann man alles mal brauchen.

  4. Christian

    @1 oder ein hoch auf seinen Betreuer? Oder auf seinen Opa? Oder auf seine Eltern? Usw.

  5. Berg

    Knopf annähen machen die Kinder mt 5 Jahren zusammen mit der Oma, der Mutter, der Schwester. Es ist lächerlich, damit bis zur Schule zu warten in der Hoffnung, die Lehrer müssten das lehren. - Kochen in Klassenzimmern ist eine Sache der Hygiene, Sauberkeit, Lebensmittelkontrolle. Wenn alle es wollen, kann man dazu Wanderungen, Aufenthalte in der Jugendherberge nutzen. Bitte nicht Kochen oder Backen in der Schule!

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