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Samstag, 30.09.2017

Viele Spuren führen nach Dresden zur gestiefelten Gärtnerin

Schriftstellerin Helga Schütz wird achtzig - und schreibt weiter an ostdeutscher Seelengeschichte.

Von Karin Großmann

Unbeeindruckt von Moden und Zeitgeist schreibt Helga Schütz ihr Werk fort. Es ist ein Spiel mit der Erinnerung.
Unbeeindruckt von Moden und Zeitgeist schreibt Helga Schütz ihr Werk fort. Es ist ein Spiel mit der Erinnerung.

© Andreas Klaer

Eine Reihe prächtiger Winterlinden wächst im Großen Garten von Dresden. Die Bäume hat Helga Schütz gepflanzt. Sie war als Siebenjährige 1944 aus ihrer schlesischen Heimat Falkenhain zu den Großeltern an die Elbe gezogen. Nach Kriegsende machte sie hier eine Gärtnerlehre. Das Biologenlatein beherrscht Helga Schütz bis heute, wenn sie in ihrem Babelsberger Waldgarten mit den Kiefern spricht. Kopfschüttelnd beobachtet sie die vergeblichen Versuche des Nachbarn mit Rhododendron. Der Boden taugt nicht dafür. Aber: „Der Mensch ist unbelehrbar. Bittere Erfahrungen halten ihn nicht auf Dauer bei Vernunft. Er neigt zu Rückfällen.“ Aus solchen Sätzen spricht dann nicht nur die Lebenserfahrung der Gärtnerin. Am Montag wird die Schriftstellerin Helga Schütz achtzig Jahre alt.

Mehrfach holte sie Dresden als Spielort in ihre Bücher. Da fährt eine junge Frau mit dem Rad über die damalige Dimitroff-Brücke auf die berühmte Silhouette mit den Ruinen zu. Sie sieht die leeren Fensterhöhlen des Schlosses und die Trümmer der Frauenkirche – und fühlt sich berührt von bizarrer Schönheit. Immer wieder kreuzen sich die Wege der Figuren mit der Biografie der Autorin, und doch meint sie: „Das hat nichts mit mir zu tun.“ Schon mit dem ersten Satz, sagt Helga Schütz, beginnt die Erfindung. „Jette in Dresden“ hieß der erste Roman.

Eine proletarische Perle

Was die Autorin erfindet, hat durchaus mit ihr zu tun. Oft schreibt sie von Frauen, die eigensinnig und sanft zugleich sind. So kommen sie über die Zeit. Auf faszinierende Weise sind sie eins mit sich und der Welt. Sie vermitteln ein Gefühl, das in der Großelternsprache Herzenswärme genannt wird. Konflikte werden entschärft mit Ironie und Gelassenheit. Helga Schütz war in der DDR weder vorlaute Dissidentin noch brave Mitläuferin; sie hat einfach nur ihrs geschrieben. Westverlage druckten die Romane und Geschichten nach. Und anders als viele ihrer Kollegen behauptet sich die Schriftstellerin bis heute. Das spricht für die literarische Kraft ihres Erzählens. Sie verteidigt die Wahrheit des Augenblicks gegen jede nachgetragene, besserwissende Kommentierung. Es ist, wie es ist.

Eine von diesen unbekümmerten, trickreichen, beharrlichen Frauen ist Eli, die als Gärtnerlehrling im Nachkriegsdresden erst Suppenkübel durch die Stadt karrt und dann Blumenschmuck zu den Kunden, vom Heidefriedhof zum Ballhaus Watzke, „ihre Beine kannten den Stadtplan“. Heimlich versorgt sie einen Ruinenbewohner mit Essen. „Einerseits steht sie mit ihren Gummistiefeln fest auf dem Boden, andererseits hat sie etwas Schwebendes“, sagt Helga Schütz über die junge Frau aus dem Roman „Knietief im Paradies“. Ähnliches gilt für viele ihrer Figuren.

Mit der gestiefelten Gärtnerin war sie noch lange nicht fertig. Es folgt ein zweiter Auftritt im Roman „Sepia“. Eli wird Studentin am Filminstitut in Potsdam. Sie vertritt die vorgeschriebenen 25 Prozent Arbeiterklasse, sie ist die „proletarische Perle in der goldenen Krawattennadel“ des Instituts. Was sie dorthin lockt, ist das Versprechen auf ein eigenes Bett und täglich ein warmes Mittagessen. Sie würde gern Filmvorführerin im Kino werden. Geschickt lenkt Eli die Aufnahmekommission vom „Land, wo die Zitronen blühen“ weg und hin zu Zitronenstecklingen. Denn damit kennt sie sich aus.

Helga Schütz erzählt auch, wie die Politik in den Alltag der Studenten eindringt. Sie macht die Atmosphäre der Sechzigerjahre in der DDR spürbar: Enge, Anpasserei und Verlogenheit auf der einen Seite, Ausbruchsversuche und Freiräume auf der anderen. Ein Chauffeur bringt die Westfilme, die im Vorführsaal des Instituts gezeigt werden, pünktlich vor Mitternacht über die Grenze zurück. Eli sitzt in dem Saal am liebsten in dem roten Samtsessel in der fünften Reihe. Womöglich war es auch der Lieblingsplatz von Helga Schütz.

Sie war 1955 aus Dresden weggegangen, besuchte die Arbeiter-und-Bauern-Fakultät in Potsdam und studierte Dramaturgie an der Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg. Nach 1962 arbeitete sie als freie Autorin bei der Defa. Sie schrieb Drehbücher und Szenarien für Filme wie „Wenn du groß bist, lieber Adam“, „Lots Weib“ und „Ursula“ und arbeitete zusammen mit ihrem damaligen Lebenspartner, dem Regisseur Egon Günther. 1993 erhielt sie eine Professur für Drehbuchschreiben. Die bildhafte Sprache ihrer Romane, die knappen Sätze, das Spiel mit Assoziationen, das könnte vom Film inspiriert sein.

Zauberhafte letzte Altersliebe

Auf die Erfahrung der Kriegs- und Nachkriegszeit kommt Helga Schütz immer wieder zurück. Sie spielt mit ihrer Erinnerung. Farben und Blickwinkel wechseln. Noch im scheinbar Unmöglichen verteidigen die Figuren ihre Lebensmöglichkeit. Das gilt auch für jene Frau, die hinter ihrem märkischen Gartengrundstück eine Betonmauer wachsen sieht. Schäferhunde an langen Ketten bewachen die Strecke. Der Roman „Grenze zum gestrigen Tag“ setzt die Erkundung der DDR fort.

Im Grunde erzählen alle Bücher von Helga Schütz einfühlsam ostdeutsche Mentalitätsgeschichte. Das gilt bis zum jüngsten Band „Die Kirschendiebin“. Dort zaubert die Autorin eine letzte Altersliebe herbei. Thomas und Melina haben einander vor fünfzig Jahren verloren und finden sich nun zufällig wieder in einer römischen Künstlervilla. Wie Helga Schütz das beschreibt, voller Weisheit und Altersmelancholie, doch ohne Sentimentalität, das ist eine große Freude. Sie hätte das Buch gern „Zwiesel“ genannt. Das sind Bäume, die sich in zwei gleiche Stämme gabeln. Bei der Buche im Roman neigen sich die Stämme nach vielen Jahren „getrennter Himmelsstürmerei“ einander wieder zu. Dieses versöhnliche Bild sieht ganz nach einem Lebensfazit aus. Bäume haben etwas Beharrliches.

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