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Mittwoch, 10.01.2018

Verwirrt in New York

„Wonder Wheel“ ist ein recht sehenswerter, aber wieder kein brillanter Woody-Allen-Film.

Von Martin Schwickert

Bademeister Mickey (Justin Timberlake) passt am Strand von Coney Island auf Ginny (Kate Winslet) auf und wird durch sie in eine irre Familiengeschichte verstrickt.
Bademeister Mickey (Justin Timberlake) passt am Strand von Coney Island auf Ginny (Kate Winslet) auf und wird durch sie in eine irre Familiengeschichte verstrickt.

© dpa

Am legendären Strand von Coney Island, dort wo das südlichste Ende von Brooklyn in den Atlantik übergeht, wo sich früher die Vergnügungsparks aneinanderreihten und ein beträchtlicher Teil der New Yorker Heiratsanträge gestellt wurde, siedelt Woody Allen seinen neuen Film „Wonder Wheel“ an. Justin Timberlake spielt hier den Bademeister Mickey, der als Erzähler das Publikum direkt adressiert. Neben seinem Baywatch-Job studiert der junge Mann Literatur und schaut auf die Wirklichkeit mit dem Blick des angehenden Dramatikers.

Eines regnerischen Tages stolziert Ginny (Kate Winslet) in ihrer ganzen melancholischen Pracht über Mickeys Strandabschnitt. Der ist gleich mit einem riesigen Schirm zur Stelle und Ginny ihrerseits von solch ungewohnter Galanterie stark beeindruckt. Das Leben hat es bisher nicht sehr gut mit ihr gemeint. Nach gescheiterter Liebe flüchtete sie in eine glücklose Ehe mit Karussellbesitzer Humpty (Jim Belushi) und verdingt sich nun als Kellnerin in einer Strandbar. Die Affäre mit dem deutlich jüngeren, kultivierten Bademeister lässt sie von einem anderen, besseren Leben träumen. Als Ginnys Stieftochter Carolina das Interesse von Mickey weckt, beginnen die emotionalen Wirrnisse, Shakespeare’sche Ausmaße anzunehmen.

Die romantischen Vorstellungen der Figuren vermischen sich mit der Eigendynamik der Lebensachterbahn und bieten einem kühn gecasteten Ensemble vielfache Entfaltungsmöglichkeiten. Vor allem überzeugt Kate Winslet als Frau in den besten Jahren, die mehr vom Leben will als das, was es ihr im Amerika der Fünfziger zu bieten hat. Es ist ganz wunderbar, wie Winslet tiefe Sehnsucht und Verzweiflung am Rande zum Wahnsinn ausbalanciert und die Figur aus Allens ironisiertem Erzählstrom heraushebt.

Die Stärken dieses sehenswerten, aber nicht brillanten Woody-Allen-Jahrgangs liegen wie üblich im Dialogischen, aber auch in der farbenprächtigen Bildgestaltung Vittorio Storaros, dem stilvollen Fifties-Design und Allens tiefer Verneigung vor klassischen Tennesse-Williams-Verfilmungen wie „Endstation Sehnsucht“. Auch wenn seine dramatisch-komische Abmischung noch einer gründlicheren Überarbeitung bedurft hätte, ist „Wonder Wheel“ allein von seinen optischen und schauspielerischen Reizen einen Ausflug ins Kino wert.