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Freitag, 28.10.2016

Verweile doch, du bist so mittig

Ob Klasse oder Abstammung, das alles ist austauschbar, geht es um das Anklagen der „anderen“.

Von Werner J. Patzelt

Werner J. Patzelt
Werner J. Patzelt

© Bonß

Das Eigentümliche am Pendelschlag ist die endlose Wiederkehr des längst Gewesenen. Links ist das Pendel, später mittig, dann rechts; bald wieder in der Mitte, sodann ganz links. So erscheint es aber nur demjenigen, der lange hinsehen kann. Denken wir uns einen Betrachter mit kurzem Leben und haben Fantasie mit dem Pendel. Von links bewegt sich da eine Partei, eine Gesellschaft, eine Kultur unaufhaltsam nach rechts – wie schrecklich! Oder von der Mitte her nach links – ganz schlimm! Warum nur verweilt er nicht, der schöne Augenblick, da alles in der Mitte steht: These und Antithese im Gleichgewicht, die Synthese schaffend von allem Davor und Danach.

In meiner Kinderzeit war völlig klar: Du bist verantwortlich für deine kleinen Sünden – und für die großen erst recht. Ja oder nein kann jeder sagen; und dann muss man eben zu den Antworten stehen, die man auf konkrete Fragen des Lebens gegeben hat. In der Oberstufe des Gymnasiums kam die Befreiung: Jeder ist nur das Ensemble umgebender Verhältnisse; das Sein, in das uns der Zufall warf, prägt unser Bewusstsein; und auch die neue Gesellschaft wird ganz im Schoß der alten ausgebrütet – hoffentlich aber so bald, dass man der Revolution Geburtshilfe leisten kann! Dabei ist der Feind ganz objektiv ein Feind aufgrund seiner Klassenlage; ihn anders zu behandeln, wäre nichts als unverantwortliche Sentimentalität. Doch als Student lernte ich endlich: Ob Klasse oder Abstammung, Kultur oder Habitus; das alles ist praktisch austauschbar, solange es ums Anklagen oder Entschuldigen eines anderen geht. Besser wäre es, mit gutem Willen stets das Individuelle vom Kollektiven abzuheben, selbst wenn beides eng verschränkt ist.

Noch später merkte ich, dass auch hier das Pendel immer hin- und herschwingt. Die Umstände sind schuld, du selbst bist schuld, die Umstände, du selbst … Dummköpfe, die das eine oder andere fest glauben! Und schön die kurzen Zeiten, da man Ausgewogenheit von Urteil und Haltung schätzt. Es ist wirklich hübsch, wie sich jener Pendelschlag auch in der Erzählung von letzter Woche zu Herrn Bittners Tasche und deren Beinahe-Dieb gezeigt hat. Von selbst aber versteht sich nur für Eintagsfliegen, was da an Gesellschaftstheorie anzuwenden und welches ethische Urteil zu fällen ist.

Wer Menschen nur lange genug beobachtet, der weiß: Alles wird geglaubt, das eine, und sein Gegenteil auch. Nur eben zu verschiedenen Zeiten.

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