Sonntag, 25.11.2012

Verlassen in Ostpreußen

Viele Kinder verloren auf der Flucht 1945 ihre Familien. Sonya Winterberg hat einige der ehemaligen „Wolfskinder“ besucht.

Von Bettina Ruczynski

Flüchtlinge aus dem Osten des Deutschen Reiches im April 1945 auf dem Weg nach Berlin. Viele Kinder kamen nie dort an. Auf den langen Trecks von Ostpreußen haben sie ihre Eltern und Großeltern verloren, streunten verlassen umher, mussten sich allein durchschlagen und fanden – wenn sie Glück hatten – bei einem Bauern Unterschlupf im Stall. Foto: Berliner Verlag/Archiv
Flüchtlinge aus dem Osten des Deutschen Reiches im April 1945 auf dem Weg nach Berlin. Viele Kinder kamen nie dort an. Auf den langen Trecks von Ostpreußen haben sie ihre Eltern und Großeltern verloren, streunten verlassen umher, mussten sich allein durchschlagen und fanden – wenn sie Glück hatten – bei einem Bauern Unterschlupf im Stall. Foto: Berliner Verlag/Archiv

Das kleine Mädchen Hanna, fünf Jahre alt, wird im Stall bei den Schweinen gehalten. Vom Futter der Tiere lebt auch das Kind. Kommen Fremde auf den Hof, darf es sich nicht zeigen. Das Mädchen bleibt ein Leben lang Analphabetin und ist doch ungebrochen froh, einfach nur am Leben zu sein. Bis ans Ende seiner Tage wird das Kind, aus dem die Jahre eine alte Frau gemacht haben, den Bauern dankbar sein, die sie aufgenommen und bei den Schweinen beherbergt haben.

Hanna ist ein Wolfskind. So bezeichnen sich bis heute die Deutschen, die in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs während der Flucht aus Ostpreußen ihre Familien durch Gewalt, Hunger, Seuchen verloren haben oder während des grausamen Trecks, überrollt von der geschlagenen, fliehenden Armee und den heranrückenden Siegern, von Familien getrennt wurden. Sie gerieten zwischen alle Fronten, verschwanden in den Wirren des Krieges und später im Nebel der Geschichte.

Zu Tausenden streunten die verlassenen, verlorenen Jungen und Mädchen ohne Schutz, ohne Nahrung durch die Wälder des zerstörten Gebiets zwischen dem ehemals deutschen Ostpreußen und der damaligen baltischen Sowjetrepublik Litauen. Die Kleinen kannten nur ein Ziel: Den nächsten Tag erleben. Überleben. Irgendwie.

Für Trauer um die vergewaltigten Mütter, die erfrorenen oder verhungerten Geschwister, die toten Großeltern blieb keine Zeit. Der Gedanke an die abwesenden Väter – vielleicht auf dem Schlachtfeld gestorben, vielleicht im Kriegsgefangenenlager überlebend, vielleicht längst glücklich im fernen Paradies Deutschland – rückte immer weiter weg. Die Härte dieses Überlebens hinterließ Defizite, unter denen sie bis heute leiden.

Das einschneidende Erlebnis ihrer so jäh zu Ende gegangenen Kindheit ist die Grunderfahrung des Verlassenseins. Ihren Rettern, jenen einfachen Menschen, die sie vor dem sicheren Tod bewahrten und sich damit selbst in Gefahr brachten, sind sie bis heute in Dankbarkeit verbunden: Litauische Bauernfamilien halfen ihnen. Sie teilten das Wenige, das sie besaßen, mit den verwahrlosten Streunern und versteckten sie – die Kinder des Feindes, die „Faschistenkinder“ – vor den Soldaten der Roten Armee. Als Gegenleistung ließen sich die Kleinen im Stall und auf dem Feld als billige, willige Arbeitskräfte ausnutzen, hüteten Gänse und die Kinder der Familie, halfen ohne Murren, ertrugen klaglos Übergriffe jeglicher Art.

Die Autorin Sonya Winterberg hat sich dieses nahezu unbekannten Kapitels von Flucht und Vertreibung angenommen. Sie hat Wolfskinder aufgespürt und besucht, ihre Schicksale behutsam und sorgfältig recherchiert, dokumentiert und ihnen nach jahrzehntelangem Schweigen eine Stimme gegeben in einem bewegenden Buch.

„Wenn die Wolfskinder heute ihre Biografien erzählen, haben sie es sich angewöhnt, ihr extremes Schicksal in vier bis fünf stereotypen Sätzen zusammenzufassen, ohne dabei Emotionen zu offenbaren. Doch selbst das ist den meisten Zuhörern noch zu viel“, so Winterberg. Sie hat sich gemeinsam mit den seit vielen Jahren über ihr Schicksal Verstummten in die tieferen Schichten der Erinnerung vorangetastet und konstatiert: „Das verlangt beiden Seiten viel ab.“

Hilde ist 1946 neun Jahre alt und schlägt sich, schmutzig und verlaust, mit Betteln durch, als die litauische Familie Jesaitis das Kind in ihrem kleinen Holzhäuschen am Rande von Tauroggen aufnimmt. „Aus Angst vor Repressalien sind sie dagegen, dass Hilde die Schule besucht. Niemand soll wissen, dass sie eine kleine Deutsche ist. Stattdessen pflegt Hilde die bettlägerige Großmutter. (…) Doch sie bleibt ihrer Pflegefamilie ewig dankbar. Hilde ist sich absolut sicher – ohne diese hätte sie nicht überlebt.“ Wie Hilde geht es vielen Wolfskindern. Einige schaffen es nach Deutschland, finden ihre Familien wieder. In der sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR wird es ihnen nicht leicht gemacht, die neue Heimat zu akzeptieren: „Denn die Integration in die Gesellschaft ist an die Bedingung geknüpft, über das eigene Leid und die Umstände der Vertreibung aus Ostpreußen eisern zu schweigen“, erläutert Sonya Winterberg. Viele der Verlorenen, Vermissten, Vergessenen werden wie Hilde litauische beziehungsweise sowjetische Staatsbürger, bis sich 1991 der Eiserne Vorhang hebt. Sie sind verwurzelt, haben Familie, sprechen Litauisch. Und sind doch Deutsche, die noch immer Kontakt nach Deutschland und dort lebenden Angehörigen suchen. Sie kämpfen gegen bundesrepublikanische Bürokratie und um Anerkennung ihrer deutschen Wurzeln. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit.

Sonya Winterberg: Wir sind die Wolfskinder – Verlassen in Ostpreußen. Piper, 335 S., 19,99Euro. Am Montag, 20 Uhr stellt Sonya Winterberg ihr Buch in der Dresdner Haupt- und Musikbibliothek im World Trade Center vor.

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