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Freitag, 16.07.2010

Verlagswechsel ins Abseits

Ein Zivil-Mitarbeiter des Dresdner Militärmuseums veröffentlichte sein Buch „Sachsen 1945“ im NPD-Verlag „Deutsche Stimme“.

Von Oliver Reinhard

Das Militärhistorische Museum in Dresden wird von der heikelsten Affäre seiner Geschichte heimgesucht: Wolfgang Fleischer, seit den Anfängen der Institution 1972 ziviler Mitarbeiter von bislang tadellosem Ruf als Experte vor allem für Waffentechnik, hat sein Buch „Sachsen 1945“ über die letzte Kriegsphase im Freistaat in der Edition Tyr veröffentlicht. Diese Edition ist Bestandteil des Riesaer Verlags „Deutsche Stimme“ (DS), der wiederum der NPD gehört.

Ein Angehöriger der Bundeswehr publiziert bei einem rechtsextremistischen Unternehmen; man sah dem neuen Museumsleiter, Oberstleutnant Matthias Rogg, an, wie schockiert er immer noch ist über dieses Vorkommnis, für das der Begriff „Skandal“ keine Übertreibung wäre. „Das ist uns alles äußerst unangenehm“, sagte Rogg gestern bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz. „Deshalb haben wir beschlossen, sofort damit an die Öffentlichkeit zu gehen.“

Rogg stellte klar, dass das Museum sich ausdrücklich von der „Deutschen Stimme“ distanziere. Kein Mitarbeiter der Bundeswehr dürfe mit dem Verlag zusammenarbeiten und „auch als Privatmann dort nichts veröffentlichen“. Gleiches gelte für die ebenfalls rechtsauslegende „Deutsche Militärzeitschrift“, der Fleischer ein Interview zum Buch gegeben hat.

„Keine politische Konnotation“

Welche Konsequenzen der Vorgang für Fleischer haben werde, ließ Rogg offen. Der Mitarbeiter sei nicht vom Dienst suspendiert, „wir haben den Fall zur gründlichen Bearbeitung weitergegeben. Die Wehrbereichsverwaltung Ost in Strausberg übernimmt die juristische Prüfung, das Militärgeschichtliche Forschungsamt in Potsdam die inhaltliche“, so Rogg. „Erst danach können wir über weitere Maßnahmen nachdenken.“ Im für ihn schlimmsten Fall muss Fleischer wohl mit seiner Entlassung rechnen.

Der habilitierte Historiker Rogg selbst wollte zum Buchinhalt nicht ausführlicher Stellung beziehen, „das Thema ist nicht mein Spezialgebiet“. Auffällig aber sei, dass Fleischer „sehr deskriptiv“ geschrieben habe, ausführlich auch über Kriegsverbrechen der Roten Armee in Sachsen, aber weder analysierend noch wertend. „Eine politische Konnotation kann ich nicht erkennen“, so Rogg. Ein Gespräch mit Fleischer habe bereits stattgefunden, aber dazu mochte der Museumsleiter vorerst schweigen.

Die bohrendste Frage steht damit bis auf Weiteres im Raum: Warum hat Fleischer überhaupt bei der „Deutschen Stimme“ veröffentlicht? Es gilt als ausgeschlossen, dass er nicht gewusst haben könnte, mit wem er da verhandelt hat. „Unsere Zusammenarbeit erfolgte nach den üblichen Verfahrensweisen“, sagte DS-Geschäftsführer Henrik Ostendorf auf Anfrage. „Das war ein ganz normales Prozedere zwischen Autor und Verlag.“

„Das Buch verkauft sich gut“

„Sachsen 1945“ ist das erste Buch, das Fleischer bei der DS herausbringt. Seine zahlreichen Werke wie „Das letzte Jahr des deutschen Heeres“, „Deutsche Panzer 1939 – 1945“, „Truppenkennzeichen des deutschen Heeres und der Luftwaffe“ sind sämtlich nüchterne Sach-Arbeiten über Waffentechnik und größtenteils im Dörfler-Verlag erschienen. Darunter ein ähnliches Buch wie das aktuelle mit dem Titel „Das Kriegsende in Sachsen“. Besonders unverständlich ist sein Handeln jedoch aus einem anderen Grund: Fleischer saß in der Dresdner Historikerkommission zum 13.Februar 1945. Nicht zuletzt seinen sorgfältigen Untersuchungen ist es zu danken, dass die Geschichte der Luftangriffe von vielen Mythen befreit und deren rechtsextremistische Überhöhung zum „Bomben-Holocaust“ als ideologische Fantasterei entlarvt wurden. Nun aber trägt derselbe Mann dazu bei, dass sich bei den rechten Ideologen die Kassen füllen: „Das Buch verkauft sich sehr gut“, heißt es aus Riesa.

Fleischers Co-Autor Roland Schmieder, ein Oberst der Reserve, sei nach einem Arbeitsaufenthalt am Museum nicht wieder beschäftigt worden, sagte Museumsleiter Rogg. „Er hat unsere Konzeption nicht verstanden. Wir setzen uns sehr selbstkritisch mit deutscher Militärgeschichte auseinander. Schmieder hatte eher eine traditionalistische Sichtweise.“ In einer solchen Perspektive aber kommen unangenehme Fragen kaum vor.

Es ist schwer vorstellbar, dass man Fleischer Ähnliches attestieren müsste. Gleichwohl ließ Rogg durchblicken, dass das Buch (in dem es keinen Hinweis auf den DS-Verlag gibt) zum seriösen Geschichtswerk schwerlich taugt: Es behandele nur das Kriegsjahr 1945. Ohne die übliche ausführliche Einordnung dieser Phase in den Gesamtzusammenhang des Krieges. Ohne explizite Hinweise darauf, wer ihn begonnen hat und was den Kriegsverbrechen der Roten Armee an deutschen Zivilisten in der Sowjetunion vorausgegangen war. Damit wäre „Sachsen 1945“ interpretationsoffen. Nach allen Seiten.