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Mittwoch, 15.11.2017

Verkatert ins Matriarchat

Stefanie Sargnagel textet im Internet über das einfache Leben. Das gibt es auch als Buch – mit viel zu privaten Einblicken.

Von Nadine Franke

Autorin Stefanie Sargnagel liest am Freitag in der Schauburg.
Autorin Stefanie Sargnagel liest am Freitag in der Schauburg.

© dpa

Männer sollten sich doch auch mal ins Häusliche zurückziehen, über Gender könne man erst diskutieren, wenn das männliche Geschlecht für ein Jahrzehnt unterdrückt wurde. Diese Überlegungen hat Stefanie Sargnagel. Provokant, satirisch. Zuerst lassen solche Sätze schmunzeln, dann machen sie aber doch etwas nachdenklich. Das zeichnet die Kurznachrichten der Österreicherin aus. In einer solchen verfasst sie auch ihre Gedanken zum Feminismus: „Ich will keine Gleichberechtigung, ich will ein Matriarchat.“ Also eine auf Frauen zentrierte Gesellschaftsform.

Ganz so ernst muss das aber nicht genommen werden. Sargnagels Texte strotzen vor Satire und Ironie. Gepostet wird auf Facebook. Dort erfreut sich die Wiener Autorin, die 2016 den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Preises gewann, großer Beliebtheit. Und wer kein Facebook hat, kann ihre Postings von 2015 bis 2017 in ihrem Buch „Statusmeldungen“ nachlesen.

Zwingend eine Reihenfolge gibt es beim Lesen nicht. Eine Seite aufschlagen, ein beliebiges Datum wählen und loslesen. Die Texte sind meist nur fünf bis zwölf Zeilen lang. Es geht auch durchaus kürzer, selten länger. Gut für zwischendurch. Auf den ersten zehn Seiten lesen sich Sargnagels Kommentare zu allem und jedem noch sehr amüsant. Ihre Beobachtungsgabe ist wirklich sehr ausgeprägt. Doch in der Masse wird es schnell ermüdend. Die Statusmeldungen sind tagebuchartig verfasst, datiert und schamlos direkt. So scheut sich die 31-jährige Autorin nicht, ihre Gedanken über dicke Damenbinden, die wohl nur sie benutze, oder ihre festeren Ausscheidungen mit ihren Lesern zu teilen. Diese Textstellen erinnern ein wenig an Charlottes Roches „Feuchtgebiete“.

Ebenso viel wie über ihren Stuhl ist über Essgewohnheiten, Weinkonsum und die Hotels auf ihren Lesereisen zu erfahren. Die Zeit, die das Buch umfasst, war unleugbar eine wichtige Phase in Sargnagels Leben. Sie fasst Fuß als Autorin. Ihre Arbeit im Callcenter findet nach 100 Seiten ein Ende, sie wagt den Schritt zur selbstständigen Künstlerin. Für sie gut, für das Buch bedauerlich, da die Callcenter-Einträge noch die lustigsten sind.

Dass sie auch ernste Themen wie Feminismus, Gewalt, österreichische Politik und die Flüchtlingskrise behandelt, geht in der auf 304 Seiten geballten Sammlung von Banalitäten unter. Beim Lesen fällt es irgendwann schwer, aufmerksam genug zu sein, um die Tiefe ihrer Kritik an Norbert Hofer, einem rechtspopulistischen Politiker, der 2016 fast die Bundespräsidentenwahl in Österreich gewonnen hätte, zu bemerken. Obwohl er namentlich genannt wird.

Vielleicht ist die Konzentration in einer Lesung einfacher zu behalten, um ihre politische Kritik und die Pointen zu benicken, sich über ihr positives Bild von Dresden zu freuen oder zu bewundern, wie sie den Autorenalltag meistert und sich ihrer Depression und ihren Trinkgewohnheiten stellt. Nur als Buch taugen längst nicht alle Statusmeldungen von Facebook.

Lesung: 17.11., 20 Uhr im Filmtheater Schauburg, DD Stefanie Sargnagel: Statusmeldungen. Rowohlt, 304 Seiten, 19,95 Euro; Hörbuch: 2 CDs, Tacheles

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