Samstag, 16.02.2013

„Vergangenheit ist wie verschüttete Milch“

Yoko Ono wird 80. Als Künstlerin ist sie längst aus dem langen Schatten ihres toten Mannes herausgetreten. Aber, sagt sie, John Lennon sei immer bei ihr.

Von Sandra Traunerund Martin Oversohl

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Yoko Ono gibt eine Tanzeinlage in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt/Main. Dort werden bis 12. Mai ihre Kunstwerke gezeigt. Und John Lennons Geist spukt auch herum. Fotos: dpa
Yoko Ono gibt eine Tanzeinlage in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt/Main. Dort werden bis 12. Mai ihre Kunstwerke gezeigt. Und John Lennons Geist spukt auch herum. Fotos: dpa

  • Yoko Ono gibt eine Tanzeinlage in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt/Main. Dort werden bis 12. Mai ihre Kunstwerke gezeigt. Und John Lennons Geist spukt auch herum. Fotos: dpa
    Yoko Ono gibt eine Tanzeinlage in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt/Main. Dort werden bis 12. Mai ihre Kunstwerke gezeigt. Und John Lennons Geist spukt auch herum. Fotos: dpa

Auf einer weißen Leiter stand John Lennon damals, 1966, in einer Londoner Galerie, als er sich unsterblich in Yoko Ono verliebte. Kein Wunder: Die kleine Japanerin steckte voller witziger, poetischer Ideen. Sie ließ sich auf der Bühne die Kleider vom Leib schneiden, verkaufte frische Luft aus Kaugummiautomaten, erklärte das Anreißen eines Streichholzes zur Kunst, verhüllte in Nacht-und-Nebel-Aktionen Denkmäler. Yoko Ono war als Künstlerin ihrer Zeit voraus. Vieles, was sie schon in den 60er-Jahren in Tokio, New York und London realisierte, wurde erst viel später hip.

Zu ihrem 80. Geburtstag am 18. Februar macht die Frankfurter Kunsthalle Schirn gerade die Künstlerin hinter Yoko Onos öffentlicher Rolle als Witwe des berühmten Beatles sichtbar. „Sie ist eine der originellsten Künstlerpersönlichkeiten unserer Zeit“, sagt Schirn-Direktor Max Hollein.

Bevor andere mit ähnlichen Ideen weltbekannt wurden, schlug Yoko Ono Nägel in eine Leinwand, verpackte den Löwen auf dem Londoner Trafalgar-Square, ersann einen Fernseher, der auf allen Kanälen nur Himmel zeigte, erkannte in jeder Art von Geräusch Musik. Schon vor 50 Jahren hängte sie zerfetzte Lappen auf und lieferte die Gebrauchsanleitung dazu: darauf herumtrampeln, Wasser draufspritzen, auf die Leiter steigen, um ein mini-klein geschriebenes Wort an der Decke zu lesen. Jene Leiter, auf der Lennon stand, ist auch in der Schirn zu sehen. Wie ein Geist spukt der 1980 Ermordete durch die Ausstellung. Natürlich hängen dort auch die Fotos von dem berühmten „Bed-In for Peace“ auf ihrer Hochzeitsreise. – Bevor sie am Montag 80 wird, schaut Yoko Ono im Interview zurück und nach vorn.

Frau Ono, malen Sie sich ab und zu aus, wie es wäre, heute mit John Lennon hier zu sein?

John ist immer mit dabei, wissen Sie. Wir hatten ein besonderes Verhältnis, eine Art Absprache, nach der wir zusammengearbeitet haben. Und ich habe das Gefühl, auch heute arbeiten wir noch zusammen. Viele Dinge, die ich heute mache, sind natürlich auch getragen durch seinen Namen. Nach Frankfurt kommen nun zwar viele Menschen, weil ich eine Künstlerin bin, aber er war ebenfalls einer. John machte zwar vor allem Musik, aber er konnte zum Beispiel auch gut malen.

Ist es für Sie einfacher, heute zu leben als früher?

Ich habe gemerkt, dass Zen-Buddhismus und alles, was mit Asien zu tun hat, den Menschen in den 60ern nicht so sehr bekannt war. Wir haben es immer wieder erklären müssen. Heute ist das anders, heute kennen sich die Menschen mit diesen Themen aus. Das merken Sie daran, dass diese Begriffe auch im Fernsehen kaum noch erklärt werden müssen, sie sind ja bekannt.

Erleichtert das Ihnen Ihr Leben?

Ja, in diesem Sinne ist es leichter für mich, mit den Menschen umzugehen. Aber das Leben, die Welt ist gleichzeitig natürlich auch für jeden härter geworden. Wir müssen das als eine Herausforderung verstehen, eine Herausforderung, die stärker ist als in den 50er- oder 60er-Jahren.

Welche Herausforderungen ?

Wir können heute besser als früher verstehen, was zum Beispiel Politiker so alles treiben. Früher haben wir ihnen oder auch den Polizisten stärker vertraut, den Ärzten sowieso. Diesen Menschen können wir heute nicht mehr auf diese Weise Vertrauen schenken. Wir sehen ja, was sie tun. Natürlich gibt es unter ihnen auch ein paar gute Menschen, aber nicht sehr viele. Denn die ganze Welt orientiert sich immer stärker am Geld. Geld ist Gott, es nimmt zumindest die Stelle Gottes ein. Geld zu verdienen, das ist aber nicht immer der beste Weg, Vertrauen zu gewinnen.

Das Leben ist also doch ein wenig schwerer geworden für Sie?

Es wird immer schwieriger, das stimmt. Früher war die Welt für uns einfacher aufgeteilt: Es gab bestimmte Dinge, die haben wir verstanden. Und es gab andere Dinge, die haben wir nicht verstanden. Heute wird stärker versucht, die Menschen zu täuschen. Für uns wird es also immer schwieriger herauszufiltern, was wahr ist und was nicht. Ich würde es aber eher als eine Herausforderung betrachten, wenn ich ehrlich bin.

Hat der 80. Geburtstag eine besondere Bedeutung für Sie, oder ist es ein Tag wie jeder andere?

Nein, das ist ein ganz besonderer Tag für mich. Ich habe das Gefühl, ich habe immer noch nicht genug gemacht. Um ehrlich zu sein, werde ich das Gefühl nicht los, überhaupt noch nichts erledigt zu haben. Wenn ich also 80 werde, fange ich ein neues, ein zweites Leben an. Ich werde all das machen, was ich bisher nicht geschafft habe.

Gab es im alten Leben etwas, das Sie gerne ungeschehen machen würden?

Nein. Sie können nicht zurückschauen. Die Vergangenheit ist wie verschüttete Milch. Sie können aber versuchen, durch Ihr Verhalten von heute Dinge von gestern zu verbessern oder zu korrigieren, wer weiß?

Wenn Sie das Jungsein in den 50ern und 60ern vergleichen mit der Jugend von heute, wann wären Sie lieber eine junge Frau?

Ich bin doch immer noch jung. Aber natürlich haben Sie recht. Diese Sache mit dem Alter ist allerdings ziemlich unsinnig, finde ich. Jeder Mensch ist anders. Und dann ist jeder Mensch doch wieder gleich, denn ich finde, alle Menschen sind jung.

Haben Sie schon ein Konzept, wie Sie Ihr neues Leben gestalten möchten?

Ja, das ist sehr spannend, natürlich weiß ich im Großen und Ganzen schon, was ich vorhabe. Aber das verrate ich Ihnen nicht, das werden Sie dann ja sehen. (dpa)

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