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Montag, 16.04.2018

Unkenrufe von ganz oben

Im neuen Roman von Alexander Schimmelbusch spielt ein junger Investmentbanker ein bisschen Gott und macht in Deutschland Revolution.

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Böse, witzig und hintersinnig: Alexander Schimmelbusch.
Böse, witzig und hintersinnig: Alexander Schimmelbusch.

© Annette Hauschild

Ob Alexander Schimmelbusch Schlaumeier, Hedonist, Zyniker, Satiriker, Spitzenliterat oder mehreres auf einmal ist, möge dahingestellt bleiben. Der gebürtige Frankfurter, Jahrgang 1975, hat in Washington studiert und dann fünf Jahre lang als Investmentbanker in London furchtbar hart gearbeitet. In „Hochdeutschland“, seinem vierten Roman, hat Held Victor, der als Investmentbanker schon früh zu maßlosem Wohlstand gelangt ist, gerade den Bundesfinanzminister (CDU, Ferrari) zu einer extrem delikaten Investition im Energiesektor bewogen, sich dann im Hotel Adlon einer Genitalentspannungsmassage unterzogen, schließlich eine Flasche Richebourg für 2 400 Euro aufs Zimmer kommen lassen und dann noch eine, und nun denkt er darüber nach, was falsch läuft im Lande, und sinniert über Auswege. Er entwirft ein Manifest und skizziert eine Bewegung, die das durchsetzen könnte.

Zurück im Taunus, wo er ein Haus mit Blick auf Frankfurts Banken-Skyline bewohnt, erklärt er seiner sechsjährigen Tochter Victoria, die turnusgemäß gastiert und sein Haus viel zu groß findet, die Schöpfung. Dem lieben Gott war zu langweilig, also dachte er sich was aus, die Leere zu füllen, und erfand Täler und Berge, Mond und Sterne, die Menschen, die Unken, die Wölfe und die Zwerge. Als Victoria wissen will, was Unken sind, sagt Victor: „Unken sind kleine Wasserschlangen, die in den Bächen und Tümpeln der Wälder leben.“ Schimmelbusch macht das natürlich mit Absicht, wohl wissend, dass die Unke ein Froschlurch ist, der Begriff aber noch zu Luthers Zeiten eine zweite Bedeutung hatte, die inzwischen verloren gegangen ist …

Literat Schimmelbusch löst so etwas keinesfalls auf, spielt aber ständig mit Echt-, Halb- und Scheinwissen, mit Wirklichkeiten und Möglichkeiten, und er verpackt seine Gedankensprünge in süffig erzählte Szenen und Geschichten. Wer glaubt, dass er ihm alles glauben darf, ist im falschen Buch. Gleichwohl sind die messerscharfen Überlegungen und geschliffenen Anspielungen seines Helden von unwiderstehlicher Suggestion. Victor, der aus einer soliden Unternehmerdynastie stammt, ist ein Alpha-Tier von jener Sorte, die Deutschland groß, stark, gefährlich und krank gemacht hat. Das sagt Schimmelbusch nicht, er lässt es spüren.

Die Bewegung, die sein Victor ersinnt, die Deutschland AG, eine Art „Forza Germania“, soll Motor einer „Revolution von oben“ sein: Getragen von der „wirtschaftlichen Funktionselite“, notwendigerweise, denn nur sie kenne das „verworrene System von innen“, werden die Strukturen des Landes umgekrempelt. Mit dem Ziel, „Wohlstand für alle“ zu schaffen, verzichten die Eliten auf einen Teil ihrer unermesslichen Reichtümer. Es wird eine Obergrenze von 25 Millionen Euro Vermögen festgesetzt, und die frei werdenden Mittel wandern in die Bildung, die Forschung, die Versorgung der Schwachen und den Schutz aller.

Ausführlich widmet sich Victor dem Feld Asyl und Migration: „Natürlich werden wir Menschen, in deren Heimatländern blutige Konflikte wüten, weiterhin …“, wobei „ein Bleiberecht über den Wegfall des Asylgrundes hinaus von der individuellen Integrationsperspektive abhängen wird …“ In von der EU einzurichtenden Lagern „entlang der Küsten Nordafrikas“ könnten sich ferner „Reisende“, in einem fairen und transparenten Verfahren „für Deutschland bewerben“, statt „sich auf morschen Kähnen dem Tod zu weihen“. Was dieses neue Deutschland aber nicht brauche, seien „die lachhaften Playmobil-Nazis aus den Reihen unserer Rechtspopulisten, verkrachte Existenzen, die gegen die Erbsünde anmosern …, naseweise Vollidioten, die sich mit Holocaust-Provokationen in die Presse mogeln …“

Das geht munter so weiter, und um es kurz zu machen: Victors Idee wird Realität, als sich ein deutscher Politiker namens Ali Osman, der bei den Grünen ausgestiegen ist und was Eigenes gegründet hat, vor den revolutionären Karren spannt. Bald ist der smarte Ali, eine vage Cem-Özdemir-Blaupause, neuer deutscher Bundeskanzler, und Victor führt die Fäden jahrelang aus dem Hintergrund, bis eine schwer bewaffnete ehemalige Investmentbankerin in sein immer noch riesiges Haus im Taunus eindringt und …

Schimmelbusch hat eine schnittige Melange aus Gesellschaftsanalyse und Slapstick verfasst, ein flottes Werk, in dem er die Reichen verhöhnt und sich über die Unterschichten lustig macht. Es ist ein liebevolles Buch, denn dieser Victor liebt seine kleine Victoria mehr als sich selbst, und sein Land liebt er fast so sehr wie einen Grenache Noir aus hundert Jahre alten Roussillon-Reben oder seinen elektrischen Porsche „Shere Khan“ mit 24 Lautsprechern und einem Armaturensektor, dessen Lederverkleidung allein so viel wie ein VW Polo gekostet hat.

Die deutsche Literatur hat auf eine so hintersinnig böse Satire ein Weilchen warten müssen. Und wie die dickeren Bücher des Franzosen Houellebecq dürfte auch dieser eher schmale Roman nebst aller Unkenrufe mühelos missverstanden werden. Schimmelbusch hat es darauf angelegt.

Alexander Schimmelbusch: Hochdeutschland. Tropen/Klett-Cotta, 214 Seiten, 20 Euro

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