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Freitag, 16.09.2016

Unglauben ist nicht gleich Defätismus

Oder schwingt schon die Nazikeule, wer unbedingtes Vertrauenwollen ablehnt?

Von Werner J. Patzelt

Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt
Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt

© Ronald Bonß

Starke Wahrnehmungsmuster scheint bei Michael Bittner der irreführende Historikersatz erzeugt zu haben, dass Männer Geschichte machen – oder, im heutigen Deutschland, eben Frauen. Doch es hängt die Gestaltungsmacht politischer Anführer davon ab, ob andere deren Politik mittragen. Es braucht einfach verlässliche Unterstützer oder Mitmacher; und es kommt darauf an, was diese erhoffen oder ertragen wollen, auch wie lange oder wie bedingungslos. Davon handelte das Ende meiner letzten Kolumne: vom Gefolgschaft stiftenden „Yo, wir schaffen das!“.

Fällt wohl nur mir auf, wie ähnlich jenes Vertrauenwollen, mit dem viele Deutsche in Weltkriegszeiten (1914 ff, 1939 ff) zu ihren Chefpolitikern aufblickten, zu jenem Vertrauenwollen ist, auf das die jetzige Chefpolitikerin in Eurokrisen- und Migrationszeiten zählen darf, oder wenigstens lange zählen durfte? Nicht an die gute eigene Sache zu glauben, galt auch ehedem als Verrat; und solchen Unglauben gar zu bekunden, wurde bestraft als Defätismus – bis hin zur Ausgrenzung aus dem Kreis der Vernünftigen oder Anständigen. Erkennt da niemand kulturelle Kontinuität?

Gewiss war kein abscheulicher Krieg, sondern eine an menschlicher Schönheit schwer zu übertreffende Willkommenskultur, in was vor einem Jahr so viele hineingingen „wie in einen Gottesdienst“ (so einst Joseph Goebbels). Wahrlich religiöse Züge hatte es, wie da in Geflüchteten nichts als die leidende Kreatur erkannt wurde. Glaubensbrünstig klang der Ruf, kein Mensch sei illegal, und also auch kein Rechtsstatus. Und mit Glaubenseifer wurden willkommenskulturelle Ketzer ausfindig gemacht, beurteilt, von zivilreligiös Korrekten exkommuniziert.

Ist Gläubigkeit wohl immer nazistisch, weil auch die Nazis sie ausbeuteten? Schwingt schon die Nazikeule, wer unbedingtes Vertrauenwollen, nur weil einst im Nazigewand aufgetreten, in anderer Kostümierung ebenso erkennt und ablehnt? Ist es falsch, auf hier geborgene Gefahren aufmerksam zu machen, damit gutwillige Folgsamkeit nicht einmal mehr enttäuscht wird? Und was führt zum Denkfehler, aus einem Vergleich von Bevölkerungsstimmungen zu unterschiedlichen Zeiten eine Gleichsetzung jener Politiken und politischen Anführer zu machen, denen die verglichenen Gefühle jeweils zupass kamen? Klare Antworten hülfen weiter!