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Donnerstag, 07.12.2017

Und plötzlich so radikal

Von Karin Großmann

Als Publizistin vielfach ausgezeichnet: Åsne Seierstad.
Als Publizistin vielfach ausgezeichnet: Åsne Seierstad.

© Kagge Sturlason

Als Korrespondentin für verschiedene Zeitungen ist Åsne Seierstad in den Krisengebieten der Welt unterwegs. Sie berichtet aus Tschetschenien, Serbien, Afghanistan, Syrien, aus China und dem Irak. In jenem Sommer des Jahres 2011 aber arbeitet sie zu Hause. Angespannt verfolgt sie den Terroranschlag auf das Regierungsviertel von Oslo und das unfassbare Massaker auf der Insel Utoya. 77 Menschen sterben. Warum? Diese Frage lässt sie nicht los.

Wer ist dieser Anders Breivik? Wie konnte sich ein junger Mann, der im wohlhabenden Westen aufwuchs, zu einem gefährlichen Terroristen entwickeln? Warum sah gerade er im Islam und in einem unabhängigen Europa einen Feind? Antworten gibt die norwegische Autorin und Journalistin Åsne Seierstad in ihrem Dokumentarroman „Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders“, für den sie 2018 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhält. Er ist mit 20 000 Euro datiert und wird im März am Eröffnungsabend der Leipziger Buchmesse vergeben. Der Freistaat Sachsen, die Stadt Leipzig, die Leipziger Messe und der Börsenverein stiften den Preis. Er wird seit 1994 verliehen.

Die Jury sieht das Verdienst der Autorin darin, „uns mit dem ganzen katastrophalen Ausmaß des Geschehens zu konfrontieren, indem sie uns die Tragödie des Einzelnen vor Augen führt“. Umfangreiche Recherchen gingen der Publikation voraus. Minutiös rekonstruiert Åsne Seierstad das Leben des Attentäters, seine schwierige Kindheit und Jugend, seine Unfähigkeit, sich in einem Erwachsenenleben einzurichten, und schließlich seine Radikalisierung. Breivik wurde zu 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. Die Autorin bezieht Verhörprotokolle und andere Dokumente ein. In den Mittelpunkt ihres Buches stellt sie Gespräche mit Freunden und Wegbegleitern von Breivik. Sie lässt Überlebende zu Wort kommen und Familienangehörige der Opfer. Aus zahllosen Einzelteilen setzt sie ein Bild zusammen. Dabei balanciert sie geschickt auf der Grenze zwischen Erfindung und Fakten, Journalismus und Literatur. Mit Urteilen über den Täter, der von den Ärzten als zurechnungsfähig eingestuft wurde, hält sich Åsne Seierstad weitgehend zurück. Deutliche Kritik übt sie jedoch an der Polizei, die sich am Tag der Tat eine Reihe von Pannen erlaubte.

Das Buch der 47-jährigen Norwegerin erschien 2016 beim Schweizer Verlag Kein & Aber, der soeben ihr jüngstes Werk herausbrachte: „Zwei Schwestern: Im Bann des Dschihad“. Hier wird der Weg von zwei norwegischen Teenagern rekonstruiert, die 2013 nach Syrien gingen und sich dem IS anschlossen.

Auch hier setzt die Autorin vor allem auf Gespräche mit Zeitzeugen. Wie im Breivik-Roman geht sie weit über das Einzelschicksal hinaus, und wie dort fragt sie nach der Verantwortung innerhalb einer Gemeinschaft: Wie kann es sein, dass Radikalisierung unbemerkt bleibt? Damit trifft Åsne Seierstad mitten hinein in aktuelle deutsche Debatten.

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