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Montag, 20.11.2017

Und das war im November: Hunger, Feuer, Chaos

Artjom Wesjoly erzählt gewaltig vom Alltag in Revolution und Bürgerkrieg.

Von Gundula Sell

Valentin Shcherbakov gestaltete 1924 das Plakat, das derzeit in der „Roter Stern“-Schau in der Tate Modern London zu sehen ist.
Valentin Shcherbakov gestaltete 1924 das Plakat, das derzeit in der „Roter Stern“-Schau in der Tate Modern London zu sehen ist.

© dpa

Vom Orkan des Krieges erschüttert, wankte die Welt, trunken von Blut. So beginnt das Buch von Artjom Wesjoly, das 1932 erschien. Es war inhaltlich und formal ungewöhnlich, selbst angesichts der literarischen Revolution der Moderne. „Heimatland … Rauch, Feuer – kein Ende!“, so heißt es am Schluss. Dazwischen wälzt sich eine Flut von Kämpfen und Truppenbewegungen über den Leser. Erzählt wird von Kälte, Seuche, Hunger, Chaos, von Disputen und all den Versuchen, eine neue Welt zu errichten. Wesjoly gelingt etwas Ganzes, aber kein Roman im klassischen Sinn. Der 1899 geborene Autor hat wohl von den Schlachtenszenen in Tolstois „Krieg und Frieden“ den Simultanblick gelernt. Noch mehr aber wird er diesen Blick in seiner verwirrenden, kaum verstehbaren und noch schwerer gestaltbaren Gegenwart gelernt haben. Eine Vielzahl von Personen blitzt auf und verschwindet wieder. Manche werden wie beiläufig erschossen, kaum hat man sie näher kennengelernt.

Sagt dieses im doppelten Sinne gewaltige Buch heutigen Lesern noch etwas? Ja, denn es zeigt, wie sich Menschen in Ausnahmesituationen verhalten, wie sich Geschichte aus Handlungen und Entscheidungen von vielen zusammensetzt, wie aus all den kleinen Sichten allmählich eine große entsteht. Der Autor hat dafür viele Mittel zur Hand: Pathos, Romantik und Analyse. Gekonnt zeigt er große Zusammenhänge in szenischen Miniaturen, erfindet starke, widersprüchliche Charaktere. Mal schaut er von oben auf die Kämpfe und mal von unten. Agitpropzitate mischt er mit den vielen Stimmen des Volkes, poetisch und derb in umwerfenden Dialogen.

Artjom Wesjoly weiß, wie man es macht, wie man auf mehreren Schauplätzen gleichzeitig beschleunigt, Panorama-Pausen einlegt oder intime Momente beleuchtet. Er zeigt Sympathie im Einzelnen und beißende Ironie. „An einem Tag verschwand ein ganzer Fleischtross in den Bergen; auf dem Basar wurde ein Spitzel im Scheißhaus ersäuft; in der Bucht verbrannte ein Munitionsdampfer. Dies kam so  …“ Wer würde nicht atemlos weiterlesen? Der mehrfach preisgekrönte Übersetzer Thomas Reschke folgt dem Autor überallhin. Das dürfte beim saftigen Fluchen nicht leicht gewesen sein.

Wenig Platz bekommen die Frauen. Sie sind meist Opfer, mit Ausnahmen wie der Revolutionärin Fenka. Als sie im Gefängnis von einem Folterknecht vergewaltigt werden soll, entwindet sie ihm geistesgegenwärtig die Pistole und schießt – auf ihren Geliebten, der gerade Gefahr läuft, Revolutionsgeheimnisse zu gestehen.

Fast gleichzeitig kann Wesjoly auch voller Witz schreiben. Überzeugend springt er zwischen dem Ernst eines Isaak Babel und der Ironie eines Michail Sostschenko hin und her. Man meint, wortrevolutionäre Anklänge an die Futuristen zu hören. Vor allem aber klingt die Alltagswirklichkeit durch, die zu sammeln, zuzuspitzen und in Form zu bringen sein Verdienst ist. Das Ende bleibt offen, bei aller Zuneigung für die Bolschewiki.

Artjom Wesjoly war Arbeiter, Rotarmist, Agitator und Journalist, bevor er Schriftsteller wurde. Geradezu folgerichtig erscheint, dass er, der mit seiner schier dreidimensionalen Literatur auf keine Partei-Linie passte, im finsteren Jahr 1937 eine solche Kritik abbekam: „Er hat die bedeutende Rolle der Kommunistischen Partei und der Partisanenbewegung nicht erkannt. Der Roman stellt eine Verleumdung unseres heroischen Kampfes mit den Feinden dar.“ Das Wort Trotzkismus fiel. Was folgte, war fast vorhersehbar: Verhaftung, Folter, Erschießung 1938. Ein Glücksfall ist die Neuentdeckung des Buches.

Artjom Wesjoly: Blut und Feuer.
Aufbau-Verlag, 640 Seiten, 28 Euro

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