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Mittwoch, 15.02.2017

„Umgebracht zu werden, war nie das Schlimmste“

Julian Barnes macht den Komponisten Schostakowitsch zur Romanfigur. Da gibt es nicht nur pfiffige Sätze.

Von Jens-Uwe Sommerschuh

Schon mit zwanzig berühmt: Dmitri Schostakowtsch. In drei Akten spürt der Autor Julian Barnes dem Leben des russischen Komponisten nach. Das Buch erscheint am Donnerstag.
Schon mit zwanzig berühmt: Dmitri Schostakowtsch. In drei Akten spürt der Autor Julian Barnes dem Leben des russischen Komponisten nach. Das Buch erscheint am Donnerstag.

© Archiv/Staatstheater

Es geht zwar um den Komponisten Schostakowitsch, aber auch, wie so oft bei Julian Barnes, um Leben und Tod und einiges mehr. „Kunst gehört allen und niemandem“, schreibt der Brite. Sie gehöre denen, „die sie erschaffen, und denen, die sie genießen. Kunst ist das Flüstern der Geschichte, das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.“ Klingt gut.

Barnes, 71, ist ein vielseitiger Autor. In den 1980ern verfasste er unter dem Pseudonym Dan Kavanagh vier skurrile, amüsante Krimis. Unter eigenem Namen schrieb er jede Menge weitere Bücher, darunter ein Dutzend Romane, durchzogen vom Odeur philosophischer Weltbetrachtung. Schon „Flauberts Papagei“ von 1984 wurde mit Preisen überhäuft. „The Sense of an Ending“ von 2011 – „Vom Ende einer Geschichte“ – setzten Kritiker aus aller Welt in der BBC-Liste der „100 größten britischen Romane aller Zeiten“ auf Platz 39.

Sein jüngstes Werk „Der Lärm der Zeit“, wie fast all seine Bücher von Gertraude Krueger ins Deutsche übertragen, handelt von Schostakowitsch, soll aber keine Biografie sein. Davon gibt es schon viele. Barnes gesteht, er habe sich für seinen Künstlerroman letztlich vor allem auf zwei Quellen gestützt: die an der Uni Princeton publizierte Monografie der Amerikanerin Elisabeth Wilson, die ihn auch persönlich beriet, und die von Solomon Wolkow formulierten „Memoiren des Dmitri Schostakowitsch“, deren Authentizität in Fachkreisen allerdings stark angezweifelt wird.

Mit Küchenphilosophie angereichert

Barnes ficht das nicht an, zumal ihn die Musik nur insofern zu interessieren scheint, als sie mit der Politik kollidiert. Wieso Schostakowitsch jenseits aller „Systemkämpfe“ der größte Sinfoniker des 20. Jahrhunderts ist, erkundet Barnes nicht. Er spürt anhand markanter Szenen elementaren Konflikten nach, reflektiert mit flotter Feder Vorsicht, Trotz, Anpassung. In eigenwilligem Plauderton breitet Barnes drei Abschnitte im Leben Schostakowitschs aus, beleuchtet episodisch Nöte und Gefühle, reichert seine Reflexionen mit Küchenphilosophie an: „Umgebracht zu werden, war nie das Schlimmste …“ Was dann?

Erstens: Angst. Wir sehen Schostakowitsch wochenlang jede Nacht mit dem Köfferchen am Aufzug seines Wohnblocks stehen, weil seine Familie nicht miterleben soll, wenn Stalins Leute ihn holen, was allerdings nie passiert. In der Phase der „Säuberungen“ wird er zwar 1936 wegen Werken, die nicht ins Konzept des „sozialistischen Realismus“ passen, öffentlich attackiert, aber während Tausende andere Menschen verschwinden, geschieht ihm nichts. Im Gegenteil: Er wird zwischen 1940 und 1952 fünfmal den Stalinpreis erhalten.

Zweitens: Scham. Wir hören ihn auf einem Kongress in New York eine Rede verlesen, die ihm geschrieben worden ist und in der er die Sowjetunion preist, den Imperialismus geißelt und dem ins Exil ausgewanderten Kollegen Strawinsky die „pure Bedeutungslosigkeit und Inhaltsleere seiner Hervorbringungen“ nachweist. Stalin soll ihn 1949 höchstselbst am Telefon zur Reise überredet haben.

Drittens: Gleichgültigkeit. Wir sehen den gealterten Meister, nun mit Ehren und Funktionen überhäuft, im Dienstwagen herumfahren. Längst ist er Mitglied der KPdSU. Erst jetzt können all die Werke aufgeführt werden, die in der Schublade lagen. Obwohl er mit dem System nicht viel am Hut hat, dient er ihm treu. Barnes: „Er hatte lange genug gelebt, um von sich selbst entsetzt zu sein.“

Das Buch birgt pfiffige Sätze, aber auch einige Dünnheiten. Vieles, was essayistisch gemeint sein mag, klingt erstaunlich oberflächlich: „Niemand starb zur rechten Zeit. Mussorgski, Puschkin, Lermontow – sie alle waren zu früh gestorben. Tschaikowski, Rossini, Gogol – sie alle hätten früher sterben sollen, Beethoven vielleicht auch …“ Und Mozart? Oder Bach? Aber so ist das mitunter. Manche Autoren, auch einige der namhaften, haben Großes und weniger Großes geschrieben. Dieses Barnes-Büchlein ist etwas, das man trotz einiger Geistesblitze getrost übersehen darf.

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit. Kiepenheuer & Witsch, 245 Seiten, 20 Euro; Hörbuch gelesen von Frank Arnold, Argon