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Freitag, 05.08.2016

Üble Männer beißen Hunde

Nur was skandalisierbar ist, schafft es in die Nachrichten.

Von Werner J. Patzelt

Politikwissenschaftler Professor Werner Patzelt
Politikwissenschaftler Professor Werner Patzelt

© Ronald Bonß

Zum Tango braucht es zwei, für das Wirksamwerden von Spektakulärem auch. Kein Interesse an einem Film, kein Wirbel um dessen Darsteller; kein Interesse an Mordtaten, kein Aufsehen um die Mörder. Doch können wir unser Interesse so einfach steuern? Jenes an Bildern mit Sex-Appeal? An Naturkatastrophen? An Verbrechen?

Regulieren nicht andere an unseren Interessen mit? Etwa die Anbieter von Krimiserien, von sexualisierter Werbung, gerade Journalisten? Lautet nicht eine zentrale Professionsregel: „Hund beißt Mann“ ist keine Meldung, „Mann beißt Hund“ aber schon? Sodass vielen die Welt vorkommt wie eine, in der unschuldige Hunde dauernd von üblen Männern gebissen werden?

Tatsächlich ist es so, dass Negatives, Skandalisierbares und Personalisierbares besonders gute Chancen hat, zur Nachricht zu werden. Interessiert sind wir an solchen Dingen ohnehin. Das hat einen guten evolutionären Grund: Es war immer schon vorteilhaft, lieber zehnmal zu viel als einmal zu wenig auf eine mögliche Gefahr und auf deren Verursacher zu achten. Nur muss man sich hüten, das Wirken sensibler Warnsysteme mit der Gefahrenträchtigkeit der Welt gleichzusetzen.

Leider unterbleibt das oft. Nicht selten entsteht gar folgender Kurzschluss: Durch Berichterstattung für das Treiben von schlimmen Gegnern sensibilisiert, „sieht man“ diese allenthalben am Werk und reagiert durch Wort oder Tat; die Reaktionen werden medial verstärkt und finden immer mehr Mitmacher; und bald steht jene Auftrittsbühne für Gewalttäter bereit, auf die so mancher gerne eilt, um endlich einmal wichtig zu sein. So kommt es zu einem „Hype“ mit seinen Folgen.

Dreifach lässt sich dieser Wirkungszusammenhang durchbrechen: abschreckende Repression für Gewalttäter, Zügelung des eigenen Erregungsinteresses durch Vorrang für Vernunft, Verzicht von Journalisten auf das Kultivieren von Hypes. Obendrein bräuchte es Selbstkritik. Haben wir nicht Übeltätern zu lange eine Aufmerksamkeitsprämie immer dann spendiert, wenn uns ihr Tun politisch in den Kram passte? Machte es nicht lange Zeit viel Freude, uns selbstgerecht über „die bösen anderen“ zu empören? Und fällt uns das Blickverstellende an Hypes wohl nicht erst jetzt so richtig auf, da wirklich eintritt, wovor zur Zeit des Pegida-Hypes so viele vorsorglich warnten?

››› Alle Beiträge lesen Sie gesammelt im Spezial zur Kolumne „Besorgte Bürger“

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