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Freitag, 09.09.2016

Überhitzte Nazi-Keule

Seit Jahrhunderten wird immer wieder von älteren Herren der Untergang des Abendlandes prophezeit. Sie irren sich immer.

Von Michael Bittner

Unser Kolumnist Michael Bittner.
Unser Kolumnist Michael Bittner.

© Ronald Bonß

Es ist schon gut, wenn der Sommer nun zu Ende geht. Die Hitze dürfte auch für manch überhitzte Äußerung der letzten Zeit verantwortlich sein. Dass etwa Professor Patzelt in seiner vorigen Kolumne in Angela Merkels Satz „Wir schaffen das!“ Adolf Hitlers Glauben an den „Endsieg“ wiederzufinden glaubte, scheint mir nur durch ein Übermaß an Sonneneinstrahlung erklärbar. Zwischen einem Diktator, der die halbe Menschheit ausrotten will, und einer Bundeskanzlerin, die Flüchtlingen helfen möchte, erkenne ich wenigstens einen kleinen Unterschied.

Sonst kritisiert Professor Patzelt ja alle scharf, die in politischen Debatten zur Nazi-Keule greifen. Es ist eben immer leicht, die Splitter in den Augen der anderen zu entdecken. Überhaupt ist es gerade Mode, Angela Merkel für alles Übel verantwortlich zu machen. Ich bin nicht ihr glühendster Verehrer, aber wenn jemand von der Mehrheit zum Sündenbock ausgerufen wird, dann sträubt es sich in mir. Wie viele Leute, die sich eben noch gemeinsam mit Angela Merkel als Helden der Menschlichkeit feiern ließen, sind nun plötzlich schon immer dagegen gewesen!

Die Flüchtlingspolitik soll „gescheitert“ sein. Ich glaube, dass die vielen Menschen, die in Deutschland Schutz fanden, nicht das Gefühl haben, die Flüchtlingspolitik wäre gescheitert. Auf diese Leistung können auch Deutsche stolz sein, die der Meinung sind, dass eine solche Hilfe sich nicht beliebig wiederholen lässt. Angela Merkel soll auch schuld am Terror sein. Aber wie seltsam! In Frankreich und den USA, wo kaum Flüchtlinge aufgenommen wurden, gab es viel schlimmere Anschläge als bei uns. Der islamistische Terrorismus ist also das Problem, nicht aber die Flüchtlinge sind es. Und einige der Islamisten tragen Namen wie Sven Lau, kommen also gar nicht aus dem Ausland, sondern aus einem Ort, der sich durch Grenzschutzmaßnahmen nur schwer abriegeln lässt.

Seit Jahrhunderten wird immer wieder von älteren Herren der Untergang des Abendlandes prophezeit. Die optische Täuschung, der diese Männer unterliegen, ist nachvollziehbar: Weil ihr Leben sich herbstlich dem Ende zuneigt, glauben sie, nun müsse auch die Welt enden. Aber die bleibt immer jung. In ein paar Jahren werden wir über die ganze Hysterie der Flüchtlingskrise nur noch lächeln.

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