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Troja wird zum Dresden der Idioten

Die Semperoper bietet nun „Die Trojaner“. Es ist ein langer Abend mit wenigen Lichtblicken.

05.10.2017
Von Jens Daniel Schubert

d zum Dresden der Idioten
Der Theaterplatz-Reiter wird in der Semperoper zum Trojanischen Pferd.

© Forster

Kassandras Rufe verhallen ungehört. Ihre Landsleute holen mit dem Trojanischen Pferd den Krieg in ihre Stadt, Kassandra bleibt nur der Suizid, um einem Leben in Schande zu entgehen. Didon ruft vergeblich dem Liebsten ihre Liebe nach. Er verlässt sie, um für die Gründung Roms den Heldentod zu sterben. Ihr bleibt nur der Opfertod, um dem Leben als Verachtete zu entgehen. Der antike Stoff über den Untergang Trojas und die Spur von Blut und Schande über Karthago gen Rom war für Hector Berlioz Vorlage zu einer großen Oper. Die wuchtig überladene Inszenierung an der Semperoper stellt die beiden starken Frauen ins Zentrum, die allerdings vom Ballast der Inszenierung überschattet werden. Premiere war am Dienstag.

Das Volk jubelt blauen Fahnen zu

John Fiore am Pult der Sächsischen Staatskapelle hält den gewaltigen musikalischen Apparat, großes Orchester, Bühnenmusiken, Kinder-, Sinfonie- und Staatsopernchor und die fast zwanzig Solorollen sicher beisammen. Er musiziert mit ihnen hochdramatische wie lyrische Höhepunkte klangschön aus. Allerdings kommt es auch in seiner Interpretation zu Längen.

Der Staatsopernchor, gerade in der Vorbereitung seines eigenen Geburtstagskonzertes, hat bei Berlioz eine große Aufgabe, die die Chöre gemeinsam in immer wieder beeindruckender Qualität meistern. Ihre szenische Präsenz ist geprägt von Überaktivität und unnatürlichem Aktionismus, der oftmals geradezu komisch wirkt. Die Regieabsicht dahinter bleibt mehr im Dunkel, als dass es die Geschichte erhellen würde.

Regisseurin Lydia Steier verlegt die Geschichte aus dem antiken Troja ins Dresden Mitte des 19. Jahrhunderts, macht aus der Männerwelt ein Panoptikum von Clowns, lässt statt Trojanischem Pferd das Reiterstandbild vom Theaterplatz über die Bühne ziehen, darauf der König gleich einem Karnevalsprinzen Kamellen wirft. Das sächsische Volk jubelt blauen Fahnen zu, ein Schelm, der Böses dabei denkt. Und als Énée von Hectors Schatten aufgefordert wird, sich dem Gemetzel der Griechen zu entziehen, hat er gerade sein Lotterbett mit einer Gespielin verlassen.

Das Ganze spielt in einem gewaltigen, unfertigen oder halb zerstörten Rundbau, vielleicht das Foyer eines Theaters. Das gleiche Bett, der Rundbau hat nun eine drehbare Wendeltreppe im Kern und erinnert mehr an den Turm zu Babel, steuert der dicke Kriegstreiber auch mit Didon an. Die ist Königin à la „Zar und Zimmermann“, errichtet diesen Turm, gefeiert von einem bunten Volkstreiben mit vielen Frauen in russischer Tracht, die rote Fähnchen schwenken. Andere schwingen überdimensionierte Hämmer und Sicheln.

Während sich Karthago aufschwingt, kommen die „Trojaner“ als Flüchtlinge aus ihrer untergegangenen Stadt. Allerdings sind sie modern bewaffnet, die Bedrohung durch die „schwarze Armee der Numiden“ abzuwenden. Die Angreifer mit langen Kaftanen und Bärten werden niedergemetzelt, die Gefangenen exekutiert und von der königlichen Schwester mit makabrer Gründlichkeit ausgeraubt. Danach sind die Flüchtlinge Befreier und Besatzer, entfalten ihren mitgebrachten Semperopern-Prospekt, feiern mit Grillwürstel, Fassbier und Zirkusartisten, und gehen mit Geld, Dreistigkeit, wenn nötig auch Gewalt den Frauen von Karthago an die Wäsche. Und als das Lotterleben mit entschlüpferter Komparsin auf dem Souffleurkasten seinen Höhepunkt verpasst, kommt Geist Hector und ruft „Italien“. Darauf ziehen Armee und Führer weiter. Didon entleibt sich auf dem Sockel des sächsischen Königs und opfert sich den Flammen. Vorhang.

Krude Zutaten, die nur verwirren

All dieser krude zusammengesuchten Zutaten, all des überzogenen Spiels hätte es nicht bedurft. Sie schaffen mehr Verwirrung, stellen merkwürdige Zusammenhänge her und konterkarieren die Geschichte mit Komik und Theatralität, die nichts an ihr neu beleuchtet oder gar erhellt.

Höhepunkte des Abends sind die Szenen, wo all das Drumherum verschwindet. Wenn Jennifer Holloway aus der Seherin Kassandra eine liebende Frau werden lässt, zerrissen in ihrer Liebe und zum Letzten getrieben. Wenn Christa Mayer als Didon begreift, dass dieser Énée, selbstgerecht und unberührbar von Bryan Register gegeben, sie tatsächlich verlässt. Wenn sie ihre Königin zur verletzten Frau verwandelt, die Opfer ist und dies aus eigenem Entschluss sichtbar macht.

Zwei starke Frauen, die in einer männlichen Kriegswelt untergehen und dennoch die Lichtblicke des langen Opernabends waren. Großen Applaus gab es am Schluss insbesondere für sie, den Chor und die Kapelle, unüberhörbare und zu Recht Buhs für das Inszenierungsteam.

Wieder am 6., 9., 21., 27. 10. und 3. 11.; Kartentel. 0351 4911705