erweiterte Suche
Donnerstag, 13.04.2017

Triumph des gläubigen Willens

Schrumpft menschliche Intelligenz, sobald sie mit Politik in Berührung gerät?

Von Werner J. Patzelt

Werner J. Patzelt
Werner J. Patzelt

Um die Glaubenskraft im Lande müssen sich die einen keine Sorgen machen. Und die anderen sollten nicht auf ihr Schwinden hoffen. Sie beweist sich ja allenthalben.

Sozialdemokraten glauben an Schulzens Siegessegen, Christdemokraten an ihre Alternativlosigkeit, AfDler an die kommende Abwahl aller „Volksverräter“. Die einen glauben an das Ausbleiben sozialer und kultureller Konflikte in einer Einwanderungsgesellschaft ohne Assimilierungswillen, die anderen an Putin oder Trump oder den „wahren Volkswillen“. Manche glauben, dass sich und andere umzubringen stracks ins Paradies führt. Andere glauben, dass Probleme zu beschweigen diese auch löst. Oder dass ein Ziehen „klarer Kanten“ jene um ihre Existenz bringen wird, die man ausgrenzt. Bischöfe glauben, Behauptungen über politische Parteien machten sie angesehener als ihre Aussagen über Jesu Auferstehung. Und Erdogan glaubt, die Holländer stammten von den Nazis ab. Welch ein Fest des Glaubens, was für ein Triumph gläubigen Willens!

Freilich nicht des Willens zur Vernunft. Wie denn überhaupt zu fragen ist, woher diese Vorordnung des Gefühls im Vergleich zum Verstand, dieses Streben lieber nach Gewissheit als nach Wissen wohl kommt. Ob zur Erklärung die resignierte Einsicht Joseph Schumpeters reicht, menschliche Intelligenz schrumpfe bemerkenswert, sobald sie mit Politik in Berührung gerät? Oder der evolutionsbiologische Befund, dass Gefühle – im stammesgeschichtlich uralten Zwischenhirn verankert – nun einmal aller in der Großhirnrinde angesiedelten Rationalität vorausgehen, ja ihr in die Quere kommen? Oder der Eindruck, die dank Moralisierung aller Lebensverhältnisse so bequeme Umleitung des Erkennens aufs Bewerten verschaffe eine willkommene Befreiung vom Druck, auch widerwärtige Merkmale der Wirklichkeit so zur Kenntnis zu nehmen, wie sie eben sind? Wird also die in liberalen Gesellschaften wohlfeile Annehmlichkeit von Gesinnungsethik gesucht? Und vor Verantwortungsethik zurückgeschreckt in Zeiten, deren Zeichen nicht mehr zu jener politischen Ethik passen, gemäß welcher die früher westlich dominierte Welt konstruiert war? Wie auch immer: Politische Glaubenslust führt leicht auf Abwege und in Sackgassen. Dem sollten wir wehren. Durch stetes Beharren auf Faktentreue und Vernunft!

››› Alle Beiträge lesen Sie gesammelt im Spezial zur Kolumne „Besorgte Bürger“