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Mittwoch, 20.01.2016

Torpedo-Tanz und Komponisten-Frühstück

Das Kunstzentrum Hellerau setzt 2016 neue Schwerpunkte, feiert brasilianische Transsexuelle und züchtet mit Migranten Gemüse.

Von Bernd Klempnow

Das künstlerische Programm im Festspielhaus Hellerau setzt immer wieder neue Maßstäbe.
Das künstlerische Programm im Festspielhaus Hellerau setzt immer wieder neue Maßstäbe.

© dpa

Und wieder Neues. Da denkt man, nach zehn Jahren seit der Wiedereröffnung hätte man alles an moderner und verrückter Kunst im Festspielhaus Dresden-Hellerau erlebt – und wird überrascht. „Wir setzen 2016 weitere Schwerpunkte und werden sub- und gegenkulturelle Entwürfe thematisieren“, sagte Intendant Dieter Jaenicke am Dienstag bei der Vorstellung des Spielplanes. Am Freitag startet die Saison mit dem Gastspiel der britischen Hofesh Shechter Company, die hochenergetischen Tanz zu wuchtiger Musik bietet. „Shechter ist der Rock ’n’ Roller unter den Choreografen“, sagt Jaenicke. Das Publikum liebt ihn – es gibt nur noch Restkarten.

Verstärkt widmet sich Hellerau der Integration. Jaenicke kündigte an, weitere Flüchtlinge auf dem Gelände unterbringen zu wollen. „Weltoffenheit ist für uns kein leeres Schlagwort, sondern Programmatik. Fremdenfeindlichkeit gilt es zu benennen und ihre Motive zu widerlegen“, so Jaenicke. Im Vorjahr hatte das Festspielhaus eine vierköpfige Familie aus Syrien untergebracht. Platz gibt es für 16 Menschen. Bislang fehle aber noch eine Zulassung dafür. Fortgeführt wird der 2015 gestartete interkulturelle Golgi-Park hinterm Festspielhaus, wo „wir mit Flüchtlingen und Dresdnern wieder Gemüse züchten, Feste feiern und Kunstprojekte realisieren wollen“.

Auch inhaltlich möchte Hellerau unverändert international Akzente setzen. Über 300 Veranstaltungen wird es bis Ende Dezember geben. Seit Jahren Bewährtes wie die Stücke vom Fantasietheater Derevo und das Tonlagen-Festival für zeitgenössische Musik sind Eckpfeiler eines Programms, das pro Jahr gut 35 000 Besucher anzieht. Gut 3,5 Millionen Euro beträgt der Etat, wobei das Team gut ein Drittel an Fördermitteln vor allem beim Bund akquiriert – was ungewöhnlich viel ist.

Uraufführungen und Gastspiele namhafter Bewegungserfinder sollen den Anspruch Helleraus als das Podium für den zeitgenössischen Tanz belegen. Zu diesen Exoten gehören die „Torpedo-Tänzerin“ und David-Bowie-Vertraute Louise Lecavalier und die Trendsetzerin Alice Ripoli. Letztere bereichert den heterosexuellen, oft von sexistischen Posen geprägten Street Dance durch Positionen anderer Geschlechtsidentitäten. In ihrer angekündigten Arbeit „Suave“ übernimmt ein Transsexueller die Szene und „wird vom Rest des Ensembles auf Händen getragen“.

Dieses Gastspiel ist einer der Höhepunkte des neuen Festivals „Brasilianische Alternativen“. Dieses findet vom 19. Mai bis 7. Juni statt und bietet die größte kulturelle Präsentation des diesjährigen Gastgebers der Olympischen Spiele in Europa. Es gibt Konzerte, Ausstellungen und Installationen. Partner sind die anderen wichtigsten deutschen Performance-Zentren Kampnagel Hamburg, HAU Berlin, Mousonturm Frankfurt und das NRW-Tanzhaus Düsseldorf. Auch dort sind die Brasilianer zu Gast. Eine Vielzahl von Projekten ist der Integration junger Asylsuchender gewidmet.

Nachschlag für den Intendanten

Neu ist die Reihe „Komponisten zum Frühstück“. Das erste Gesprächskonzert bei Kaffee, Ei und Semmel bestreitet im März die auch eloquent erzählen könnende Adriana Hölszky, die Kritiker für ihre „süffigen Werke“ schätzen. Überfällig hält die Fotografie Einzug: Für die Premiere des Wettbewerbes „Portraits“ haben 530 Fotografen aus aller Welt Arbeiten eingereicht. Ab Mitte Februar sind sie zu sehen. Aufgrund der Resonanz und der Qualität will Jaenicke den Wettbewerb weiterführen.

Der Intendant selbst wird das Festspielhaus weiter führen, die Stadt ihm eine Vertragsverlängerung um ein Jahr bis Sommer 2018 anbieten. „Da kann ich noch einiges auf den Weg bringen“, so Dieter Jaenicke.

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