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Montag, 05.09.2016

Tom Quaas in Höchstform

Es geht um mehr als „Liebe“, und das Publikum ist zu Recht beglückt vom neuen Liederabend auf dem Dresdner Theaterkahn.

Von Johanna Lemke

„Liebe ist eine Psychose, die zur Neurose wird“, erklärt Tom Quaas als Psychiater in seinem neuen Liederabend.
„Liebe ist eine Psychose, die zur Neurose wird“, erklärt Tom Quaas als Psychiater in seinem neuen Liederabend.

© Carsten Nüssler

Tom Quaas und der Theaterkahn, das ist ein Selbstläufer. Wenn der Dresdner Schauspieler auf dem Theaterschiff spielt, ist das Publikum im Grunde schon begeistert, bevor sich der Vorhang öffnet. Man kennt sich, man weiß, was man kriegt, man ist mit den Macken des anderen vertraut – fast wie in einer Liebesbeziehung.

Wie passend: „Liebe“ heißt Quaas‘ neuer Abend auf dem Kahn. Wer das legendäre „Tauben vergiften“ oder „Unter dem Milchwald“ kennt, der weiß, dass man keine schnöde Revue erwarten konnte. Welch inhaltliche und künstlerische Breite er am Ende aber bieten würde, das war dann schon überraschend. An Quaas‘ Seite steht das ebenfalls kahnerprobte Michael-Fuchs-Trio, die Songtexte stammen von dem verrückt-genialen Dichter Friedhelm Kändler. Einen dramaturgischen Rahmen gab der Regisseur Holger Böhme. Doch im Mittelpunkt steht Tom Quaas, und man muss sagen: Alle Altersdiskriminierung ist fehl am Platz, denn dieser Mann, dieses Schauspielertier, wird mit jedem Jahr besser.

Hier spielt er einen Psychiater, selbst neben der Spur und ständig am Pillenschlucken. Der hält viel von sich selbst und kennt sich in mehreren Fachgebieten von Eisenbahn bis Kreuzblütler aus. Heute aber soll es um die Liebe gehen, und da beginnt schon der Spaß: Tom Quaas singt und tanzt sich durch den Abend, zitiert und parliert, bringt dreckige Witze ebenso souverän wie feinste Gedichte. Mal spricht er ein Lied, mal singt er einen Satz, und so hat er nach höchstens vier Minuten das Publikum auf seiner Seite. Fortan geht ein Glucksen und Juchzen durch den Saal, es dauert nicht lange, da bekommt Tom Quaas für kleinste Sprachspiele Szenenapplaus. „Das hast du, Gehasste, nun von dem Gehaste“ – solche schlichten Genialitäten kommen im Minutentakt. Es wird philosophisch, psychologisch, einfach herrlich, wenn der Psychiater Quaas darüber sinniert, wie Liebe von der Bedeutungslosigkeit entheben kann. Und bevor es zu kitschig wird, klimpert das Michael-Fuchs-Trio ironisch dazwischen. Die Musiker, deren bunte Krawatten die einzige Farbtupfer auf der dunkel gehaltenen Bühne von Carsten Nüssler sind, brillieren in gewohnter Manier.

Man könnte einwenden, dass der dramaturgische Faden rund um die Lieder ein wenig dürftig ist. Dass die Texte nicht wirklich Neues über die Liebe an den Tag bringen, manchmal sogar alberne Klischees zementieren wie „In der Ehe riecht die Liebe schnell nach Möbelpolitur“. Man könnte meckern über das ungeduldige Publikum, das es keinem Ton gönnte, in Ruhe auszuklingen, sondern sogleich in Jubel ausbracht. Doch all das trübt nicht die Freude an diesem Tom Quaas in Hochform und einem überragend intellektuellen Liederabend, der mit Sicherheit ein neuer Klassiker auf dem Kahn wird.

Wieder am: 10. und 11.9. sowie 18., 19. und 22.10., je 20 Uhr, Theaterkahn Dresden. Karten: 0351 4969450

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