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Freitag, 29.07.2016

Tödliche Versager

Die Amokläufer gieren nach unserer Aufmerksamkeit – und wir spendieren sie ihnen nur allzu bereitwillig.

Von Michael Bittner

SZ-Kolumnist Michael Bittner.
SZ-Kolumnist Michael Bittner.

© ronaldbonss.com

Erinnert sich jemand an Nils H.? Der Krankenpfleger tötete jahrelang unbemerkt Patienten, wahrscheinlich ist er der schlimmste Massenmörder in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Und doch verschwand er nach wenigen Berichten schnell wieder aus den Medien, anders als ähnlich mörderische Terroristen und Amokläufer.

Was hat Nils H. falsch gemacht? Seine Morde waren nicht unterhaltsam genug. Giftspritzen sind nicht so spektakulär wie Bomben und Hackebeile. Bettlägerige Kranke sind nicht so attraktiv wie feiernde junge Leute. Eine Provinzklinik ist kein so malerischer Tatort wie eine Strandpromenade oder ein Vergnügungsviertel. Terroristen und Amokläufer vermarkten sich professioneller, sie produzieren eine explosive Mischung aus Grusel und Action, ganz wie es eine Gesellschaft sich wünscht, die süchtig nach dem Kitzel der Angstlust geworden ist.

Nach jedem Anschlag hocken wir stundenlang vor den Bildschirmen, schauen uns dieselben Videos immer wieder an, hören Experten zu, die unablässig wiederholen, sie seien auch völlig ratlos. „Wer unterstützt die Terroristen?“, fragt man. „Was treibt sie an?“ Eine Antwort auf diese Fragen lautet leider: Wir selbst sind es. Die Amokläufer gieren nach unserer Aufmerksamkeit – und wir spendieren sie ihnen bereitwillig. Wird uns Terror geboten, dann schalten wir ein. Und weil die Medien mit unserem Interesse Geld verdienen, zeigen sie uns noch mehr Terror. So funktionieren eben Angebot und Nachfrage. Inzwischen filmen Opfer und Täter das Gemetzel sogar selbst mit, arbeiten also zusammen, um uns den Horror in Echtzeit ins Wohnzimmer zu übertragen.

Jedes Mal fragen wir nach der Identität der Attentäter, dabei sind die Attentäter immer identisch: Es handelt sich um männliche Versager, die ein nichtiges Leben ohne Liebe und Sinn führen. Sie wollen sterben, dabei aber auch unsterblich werden, indem sie andere Menschen mit in den Tod reißen. Die einen halten die Stimme in ihrem Kopf für das Wort Gottes, andere für den Befehl des Führers. Einige von ihnen wollen im Paradies weiterleben, andere im Jahresrückblick von Günther Jauch. Jeder Schwächling weiß inzwischen, wie er mithilfe einer Waffe zum Weltstar werden kann. Wir sind es, die solchen Nullen Unsterblichkeit verschaffen. Denn auch Dämonisierung ist eine Art der Vergötterung.