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Montag, 04.12.2017

Tänzer um den „Unrechtsstaat“

Das Schwere, so leicht: Gregor Gysis Autobiografie enthält eine Fülle überraschender Details und sein Lebensmotto.

Von Frank Grubitzsch

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Nicht kaputt zu kriegen: Gregor Gysi bleibt eine der wichtigsten Figuren der deutschen Linken.
Nicht kaputt zu kriegen: Gregor Gysi bleibt eine der wichtigsten Figuren der deutschen Linken.

© laif/Amin Akhtar

So kennt man ihn: als scharfzüngigen Redner im Bundestag, als rhetorisch gewandten Debattierer oder als charmanten Plauderer in TV-Talkrunden. Dass Gregor Gysi auch ein guter Erzähler ist, beweist er in seiner Autobiografie, die unter dem Titel „Ein Leben ist nicht genug“ erschienen ist.

Und tatsächlich: Für das, was Gysi zu berichten hat, scheinen die 580 Seiten kaum auszureichen. Allein sein Leben in der Politik könnte spielend mehr Raum vertragen. Gysi ist das Gesicht der Linkspartei. Auch wenn es seine Genossen aus der Parteispitze möglicherweise nicht gern hören: Hätte er in Zeiten ärgster Bedrängnis und schwerer politischer Rückschläge die Flagge nicht standhaft hoch gehalten, wäre die Linkspartei heute möglicherweise kaum noch ein politischer Faktor in Deutschland.

Gysi schreibt mit beneidenswerter Leichtigkeit, mal witzig, mal selbstironisch, aber immer unterhaltsam. Sein Buch enthält eine Fülle spannender Episoden – auch aus dem Privatleben. Schon seine Familiengeschichte steckt voller überraschender Details. Vieles, so gibt Gysi zu, hatte er selbst nicht gewusst, bevor er sein Buchprojekt begann.

Dass er in einem Haushalt mit Kindermädchen aufwuchs, hält er im Rückblick für ein Privileg. Spannend und anregend war es für Gysi schon in jungen Jahren, im Elternhaus DDR-Prominenz aus Politik und Kultur zu begegnen. Wenn Gysi von seinem Vater erzählt, dann immer mit Respekt und Verständnis für die Zwänge, unter denen er stand. Klaus Gysi diente als Funktionär dem System, hatte seinen eigenen Kopf und ließ sich aber nicht bis zum Letzten vereinnahmen. Nachdem Honecker die Macht übernahm, verlor Klaus Gysi sein Amt als Kulturminister. Später vertrat er die DDR als Botschafter in Rom – ein Posten, mit dem er sich als Staatssekretär für Kirchenfragen empfahl.

Chaos und Ratlosigkeit

Dazu mag der Beginn der beruflichen Laufbahn des jungen Gysi überhaupt nicht pas-sen. Denn er absolvierte eine Ausbildung zum Rinderzüchter, parallel zum Abitur. Listig entzog er sich später dem Ruf der NVA zum Wehrdienst. Doch es fällt schwer zu glauben, dass der prominente Vater daran keinen Anteil hatte. Das ermöglichte Gysi, ohne Zeitverzug sein Jura-Studium zu beenden und schon mit 23 Jahren der jüngste Rechtsanwalt der DDR zu werden. Als alleinerziehender Vater hatte er es nicht immer leicht, die Probleme des Alltags zu meistern. Wenig Verständnis hatten Richter, wenn Gysi Gerichtsverhandlungen vorzeitig verließ, um seinen Sohn George vom Kindergarten abzuholen.

Abrupt verschwindet der lockere Ton aus Gysis Text, wenn er sich den politisch brisanten Themen zuwendet. Dazu gehört die Frage, über die auch in seiner Partei gestritten wurde: War die DDR ein Unrechtsstaat? Einer klaren Antwort weicht Gysi aus. Nicht jede Diktatur sei automatisch ein Unrechtsstaat, schreibt er. Es ist eine merkwürdige Rechtfertigung für den rüden Umgang der Staatsmacht mit Oppositionellen und Bürgerrechtlern wie Robert Havemann, Bärbel Bohley oder Vera Wollenberger. Als deren Anwalt sollte er es eigentlich besser wissen. Die Kritik an Staat und herrschender Partei zu kriminalisieren, war  Unrecht, auch wenn es im DDR-Recht einen Paragrafen dafür gab.

Wenn Gysi auf seine damalige Rolle als Mittler zwischen seinen Mandanten und der Staatsmacht zurückblickt, klingt das mitunter auch selbstkritisch. Woher haben seine Mandanten den Mut genommen, fragte er sich schon damals. Oder: Sprechen sie nicht aus, was auch ich denke? Und warum folge ich weiter Argumenten der Parteipropaganda, denen ich immer weniger vertraue? Fragen, in denen auch Respekt vor denen steckt, die dem übermächtigen Staat die Stirn geboten haben.

Dass der politisch stets wache Gysi ausgerechnet den 9. November 1989 fast verschlafen hätte, widerspricht seinem Naturell. Nachts um zwei rief ihn seine damalige Partnerin an und sagte ihm, die Mauer sei offen. Doch einen gemeinsamen Nachtausflug über die Grenze lehnte er ab. Vielleicht deshalb, weil er seine Neugier auf den Westen schon in den Jahren zuvor bei diversen Dienstreisen stillen konnte.

Auch Gysi hält Schabowskis Äußerungen auf der Pressekonferenz, die zur Grenzöffnung führten, für ein Versehen; ein Indiz für das Chaos und die Ratlosigkeit, die die SED-Spitze lähmten. Gysi hatte das wenige Tage zuvor in Schabowskis Büro aus nächster Nähe erlebt. Dass Gysi bei dem Gespräch mit dem Politbüro-Mitglied einen eigenen Entwurf für ein Reisegesetz zu Papier gebracht hatte, spricht für sich. Doch das Dokument ist verloren gegangen. Auch Gysi hätte es selbst gern noch einmal gelesen – mit dem Abstand von 28 Jahren.

Was hat der Apparat mit mir vor?

Einen der „schwächsten Momente“ seines Lebens nennt er seine Zustimmung zur Kandidatur für das Amt des SED-Vorsitzenden. 1948 geboren, seit 1947 in der Partei: Der Versprecher des Versammlungsleiters auf dem Parteitag im Dezember 1989 bei der Vorstellung des Bewerbers Gysi löste Heiterkeit aus. So wie auch die Szene nach der Wahl, als ein Journalist fragte, was er jetzt mit dem Apparat vorhabe. Gysi antwortete mit einer Gegenfrage: Was wird wohl der Apparat mit mir vorhaben? Er wusste, was auf ihn zukam: Auf dem Weg zur politischen Erneuerung würden ihm viele nicht folgen.

Die ersten Jahre nach der deutschen Einheit waren unangenehm für Gysi. Er kämpfte um das politische Überleben seiner Partei und um seinen Ruf. Immer wieder wehrte er sich gegen Vorwürfe, er sei Stasi-IM gewesen. „Das“, so schreibt Gysi, „war, ist und bleibt falsch.“ Gegen diesen Vorwurf ist er mehrfach juristisch vorgegangen, immer erfolgreich. Gysi spricht von „fruchtlosen“ Aktionen, ihn zu überführen. Aus den zahllosen Versuchen spreche tiefe Unkenntnis über die DDR und ihre politischen Strukturen.

Gysi wäre nicht Gysi, wenn er seinen Lesern nicht etwas Überraschendes mitzuteilen hätte. Erst vor wenigen Monaten erhielt er von der Stasi-Unterlagenbehörde eine interessante Information. Danach stand er im Mai 1989 auf der Kandidatenliste für den Posten des Staatssekretärs im DDR-Justizministerium. Süffisant kommentiert Gysi auch das: Er wäre niemals bereit gewesen, diesen Posten zu übernehmen. Das sei überhaupt nicht die Welt für jemanden wie ihn, der sich als Anwalt ganz bewusst gegen eine Arbeit im juristischen Apparat der DDR entschieden hatte.

Gysi hat ein ehrliches Buch geschrieben. Irrtümer und Fehler verschweigt er nicht, ist aber selbstbewusst genug, um seine Gesinnung zu verteidigen und Erfolge als Spitzenpolitiker der Linken zu beschreiben. Dazu gehört, dass ihn die Konkurrenz inzwischen respektiert, wenngleich sie ihm harte Kritik nicht erspart. Manchmal, schreibt Gysi, müsse man spielen mit der Schwere und so tun, als sei sie leicht. Es klingt wie ein taugliches Lebensmotto.

Gregor Gysi. Ein Leben ist zu wenig. Aufbau Verlag, 583 S., 24 Euro

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. RU

    Deutschland fehlen ein paar mehr Politiker von Gysi`s Art : immer sachlich und begründend in seinen Argumenten, kritisch, optimistisch.

  2. Berg

    Nach der Wende sind von den 16 Mio Ossis in den 27 Jahren nur ganz wenige namhafte Politiker so permanent und akribisch untersucht worden, wie G.G. Und wer hat schon vorher und bis heute eine politische Stellung gehalten? - Sein damaliger Rücktritt als Wirtschaftsenator unter Wowereit zeigte allerdings, dass er sich für ein konkretes Amt nicht für geeignet hält, sondern lieber einer der theoretischen Parteilinken ist. (Ähnlich wie Wagenknecht, die noch nie praktisch regiert hat). Das tut aber seiner Beliebtheit keinen Abbruch. Es sollten viel mehr der abgedankten 2 Mio SED-Genossen ihre Rolle in der DDR erläutern und den Machtwegwurf 1989/90 erklären. Damit würden wir alle den Abbruch des Versuches Sozialismus nachvollziehen können.

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