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Subtile Rächer

Sind die Sachsen wirklich boshaft, bösartig, böswillig und somit moralisch schlecht?

17.03.2017
Von Werner J. Patzelt

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Werner Patzelt

© ronaldbonss.com

Helle, höflich und heimtückisch sollen die Sachsen sein, Letzteres mit freundlicherem Klang intoniert als „heemdiggsch“. Ein Widerspruch? Und Grund für Sorgen um eigentlich helle oder höfliche Leute? Vielleicht dann, wenn diese heller sind als ihre Gegner und sie deshalb aufs Kreuz legen können. Oder wenn sie hinter Höflichkeit verbergen, was sie an Durchsetzungskraft und Härte eben auch besitzen. Dann können Geisteshelle und Höflichkeit Ausdrucksweisen von Heimtücke sein.

Die meint: Agieren aus dem Verborgenen, Ausnutzen von Arglosigkeit, Profitieren von Wehrlosigkeit. Sodass für Heimtückische gilt: Sie sind arglistig, falsch, gemein, hinterfotzig, hinterhältig, niederträchtig, verschlagen. Sie missbrauchen Vertrauen. Also sind sie boshaft, bösartig, böswillig, moralisch schlecht. Sind das die Sachsen aber wirklich?

Vielleicht sind sie, im besten Fall, ja so: Rüpeln treten sie mit Manieren entgegen, Pöbelnden mit Stil auch beim Streit. Unbedarften kommen sie als Leute, die weiter blicken und Wichtiges besser verstehen. Zuversichtlich sind sie, dass sie deshalb auch gewinnen werden – und wenn nicht hier und jetzt, dann doch auf mittlere Frist. Weil sie nämlich auf Widerstand nicht mit bockiger Verschließung reagieren, sondern mit einem Leistungswillen, der von Vorfreude auf Erfolg getragen wird. Und dann lässt man seine Gegner freundlich lächelnd hinter sich – und nimmt so an ihnen subtil Rache. In dieser Art begehrten viele Sachsen seit dem späten 18. Jahrhundert gegen Sachsens Verächter auf, also seit dem Abstieg ihres Landes von europäischer Erstrangigkeit und dem damals einsetzenden Verächtlichmachen ihrer Sprache. Gerade so stellte man Preußens Gloria Sachsens Glanz entgegen – und politischer Macht jene Mischung aus heller Findigkeit und höflicher Rührigkeit, die auf sächsisch „Fischelanz“ heißt. Derlei Verhalten klingt zwar harmlos, wirkt aber subversiv. Preußen ist jedenfalls vergangen, Sachsen hingegen ein stolzes Bundesland. Und nicht grundlos begann das Ende der DDR in den sächsischen Städten Plauen, Dresden, Leipzig.

Muss man ob solcher Sachsen zum besorgten Bürger werden? Gewiss nicht. Doch naiv sollte man den Sachsen auch nicht kommen. Denn von ihnen gilt immer noch Erich Kästners Satz: „Wir sinn nich so gemiedlich, wie wir schbrechen!“

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