erweiterte Suche
Donnerstag, 10.11.2016

Struwwelpeter beim Marathon

The Cure machen 12 000 Fans in Leipzig glücklich, selbst wenn nicht alle das Hit-Finale erlebten.

Von Andy Dallmann

The Cure in Leipzig

Nur echt mit Lippenstift, Eyeliner und Struwwelpeterfrisur: TheCure-Sänger Robert Smith war beim Konzert in Leipzig in Top-Form.
Nur echt mit Lippenstift, Eyeliner und Struwwelpeterfrisur: TheCure-Sänger Robert Smith war beim Konzert in Leipzig in Top-Form.

© Andreas Weihs

Seit acht Jahren keine Platte mehr veröffentlicht, noch länger kaum Konzerte gespielt und dann die Leipziger Arena so fix ausverkauft, dass es am Dienstag vorm Auftritt einen (rein ideellen) Preis für den Jahressieg gab: The Cure können fraglos auf ihren treuen Anhang bauen.

The Cure in Leipzig

Und sie wissen, wie man die Leute weiter bei der Stange hält. Die englische Band legte schon allein durch gut zweieinhalb Stunden Live-Show die Messlatte zu hoch für die meisten doch eher knickrigen Branchenkollegen und ihre Knapp-90-Minuten-Übungen. Vor allem aber servierte die Truppe sicher, elegant und durchaus listenreich unterschiedlichste Perlen aus ihrem Gesamtwerk. Das alles sollte genug Punkte gebracht haben, um das Ereignis als solches ganz nach vorn in der Jahresbestenwertung zu schieben.

Pech nur für einige der mehr als 12 000 Besucher, dass sie den Herren um Frontmann Robert Smith die überdurchschnittliche Ausdauer nicht zutrauten. Am Ende des zweiten Zugabenblocks räumten ein paar Hundertschaften das Feld und verpassten so den finalen Hit-Komplex.

Hatte Smith, dessen charakteristische Struwwelpeterfrisur ziemlich nachlässig in einem Zopf klemmte, zuvor weniger Geläufiges selten mit Knallern kombiniert, kam es gegen Ende ganz dicke. Nach vielen eher angedunkelten Nummern blitzte es jäh bonbonbunt – „Hot Hot Hot!!!“ hetzte die Stimmung bis zum Anschlag hoch. Auf Höchstniveau hielt sich die Euphorie dank „Friday I’m In Love“, „Boys Don’t Cry“ und „Why Can’t I Be You?“. Der kollektive Rausch öffnete schließlich selbst Herrn Smith das Herz. Sichtlich gerührt drehte er zum Abschied eine Solo-Danksagungsrunde über die gesamt Bühne und versprach, wiederzukommen. Die Kondition für zig weitere Shows hat er zweifellos.

Auch wenn man Robert Smith ansieht, dass er langsam auf die 60 zugeht, macht seine Stimme noch jeden Hakenschlag mit, der sich zwangsläufig aus dem Werk der seit fast 40 Jahren aktiven Band ergibt. Die war einst im Postpunk ebenso zu Hause wie später im New Wave, im Gothic Rock oder im ambitionierten Pop. Einen Mix aus all dem gab es im Konzert. Das sorgte für ein Höchstmaß an Abwechslung, aber auch dafür, dass das Publikum ziemlich heterogen zusammengesetzt war.

Grufties mit raffiniert toupierten Mähnen, Rocker in Ganzkörperleder, dauergewellte Dauertänzerinnen, bebauchte Jeansjackenträger, flirtwillige Mittzwanzigerinnen und coole Heimlichraucher hatten komplikationsfrei Spaß miteinander. Selbst Fußballfans wurden bedient: Bassmann Simon Gallup machte mit einem auf dem Verstärker drapierten „Badwolf“-Banner Werbung für seinen Lieblingsverein Reading FC. Vielleicht auch ein Hinweis darauf, dass The Cure gern zur Meisterfeier von RB Leipzig spielen würden.