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Dienstag, 19.01.2016

Straßenbild vor dem Friseurladen

Jahrelang verhandelt, aber nicht um den Preis gefeilscht: Die Staatlichen Kunstsammlungen kaufen ein Spätwerk Ernst Ludwig Kirchners.

Von Birgit Grimm

2 Das Dresdner Albertinum

Der Chef der Staatlichen Kunstsammlungen, Hartwig Fischer steht zusammen mit Ingeborg Henze-Ketterer, der ehemaligen Besitzerin des Kirchner-Gemäldes, im Hermann-Gloeckner-Raum des Albertinums.
Der Chef der Staatlichen Kunstsammlungen, Hartwig Fischer steht zusammen mit Ingeborg Henze-Ketterer, der ehemaligen Besitzerin des Kirchner-Gemäldes, im Hermann-Gloeckner-Raum des Albertinums.

© Ronald Bonss

Dresden. Als Ernst Ludwig Kirchner 1926 das „Straßenbild vor dem Friseurladen“ malte, hatte er seinen Zenit schon überschritten. Er war nicht mehr der vitale Maler, der 1905 zusammen mit anderen jungen Künstlern in Dresden die Gruppe „Brücke“ gründete, die mit ihren aufsehenerregenden Arbeiten die Kunst des 20. Jahrhunderts in den Expressionismus geführt und mit ihrem lockeren Lebenswandel die braven Dresdner und die noch braveren Moritzburger Bürger erschreckt hatte.

Diese späte Straßenszene reicht auch nicht an Kirchners berühmte Berliner Straßenbilder heran, die vor dem Ersten Weltkrieg entstanden waren. Kirchner thematisierte 1926 den Alltag in der Stadt, der ihm fremd geworden war. Neun Jahre hatte der Maler in der Abgeschiedenheit der Schweizer Berge gelebt, um sich auszukurieren und einen Entzug zu machen. Das müssen starke Eindrücke gewesen sein, die 1925/26 auf ihn einstürmten, als er in Frankfurt am Main, Chemnitz, Dresden und Berlin unterwegs war. Er skizzierte manisch. Nach Davos zurückgekehrt, malte er in mehreren flächenbetonten, durchkonstruierten Gemälden, „das Gefühl, das über einer Stadt liegt“, sagte Birgit Dalbajewa, Oberkonservatorin der Dresdner Galerie Neue Meister.

Das Bild, das nun als jüngste Erwerbung im Dresdner Bestand eine Lücke füllt, gilt als das beste Werk aus dieser Serie. Seit 2008 bemühten sich die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden darum. Öffentliche und private Geldgeber wie Bund und Freistaat, Ostsächsische Sparkasse Dresden, Ernst von Siemens Kunststiftung und Hermann Reemtsma Stiftung kooperierten beispielgebend, damit dieses Bild für jedermann im Albertinum zu sehen ist, prominent im Expressionistensaal, vis- a-vis die anderen drei Kirchner-Gemälde, die in den 1990er-Jahren gekauft wurden. Bis dahin hatte Dresden keine eigenen Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner. Der Maler wurde von den Nazis als entartet verunglimpft. 1938 nahm er sich das Leben.

Das Dresdner Albertinum

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Das Albertinum ist neben Residenzschloss und Zwinger eines der großen Ausstellungsgebäude der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Es beherbergt die Skulpturensammlung und die Galerie Neue Meister. Das im 16. Jahrhundert errichtete Zeughaus war 1884 bis 1887 im Stil der Neorenaissance als Museum für die Skulpturensammlung hergerichtet und nach dem damals regierenden sächsischen König Albert benannt worden.

In den 1950er Jahren diente das Haus als Sammelpunkt für die aus der Sowjetunion zurückgekehrten Kunstschätze, die von der Roten Armee nach Kriegsende beschlagnahmt worden waren. Nach der Generalsanierung wurde es 2010 als Museum der Moderne mit Kunst von der Romantik bis zur Gegenwart wiedereröffnet.

Die Bestände der Galerie Neue Meister umfassen Werke von Caspar David Friedrich, französischer und deutscher Impressionisten wie Monet, Liebermann und Slevogt. Zudem sind Expressionisten wie Dix, die Brücke-Künstler Kirchner und Schmidt-Rottluff sowie Arbeiten von Richter und Baselitz zu sehen. Die Skulpturensammlung vereint Werke aus mehr als fünf Jahrtausenden, darunter von Rodin, Klinger oder Lehmbruck bis zu Henry Moore und Ulrich Rückriem. (dpa)

Seine Bilder – 639 an der Zahl! – wurden aus deutschen Museen entfernt, auch diese Straßenszene. Bis 1933 hatte sie einen zentralen Platz in der Dresdner Sempergalerie – allerdings als Leihgabe. Zwar hatte Hans Posse, Direktor der Staatlichen Gemäldegalerie, das Bild nach beharrlicher Verhandlung mit dem Künstler ausgewählt. Angekauft wurde es für 4 000 Reichsmark jedoch von der Stadt Dresden, die sich so an der „Vervollständigung der Gemäldegalerie“ beteiligte. 1933 trennte Posse sich flugs von dem Bild, das noch im selben Jahr in der ersten Ausstellung „Entartete Kunst“ diffamiert wurde: im Lichthof des Dresdner Rathauses. Bis 1938 reiste das Bild von einer „Entartet“-Ausstellung zur nächsten. Ende 1939 kaufte es Karl Buchholz, einer der vier Kunsthändler Adolf Hitlers, für seine New Yorker Niederlassung. In den 1950er-Jahren kehrte es nach Deutschland zurück, wurde vom Stuttgarter Kunsthändler Roman Norbert Ketterer gekauft, der 1954 Kirchners Nachlass übernommen hatte.

Hartwig Fischer, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, sagte: „Anders als in den westdeutschen Kunstzentren konnten nach 1949 die Museen in Ostdeutschland die Verluste durch die Beschlagnahme sogenannter ‚entarteter Kunst‘ durch die Nationalsozialisten 1937 nur bruchstückhaft ausgleichen, da sie vom internationalen Kunstmarkt weitgehend ausgeschlossen waren. Dieser Ankauf bedeutet für die Dresdner Sammlung einen entscheidenden Zuwachs und enorme Qualitätssteigerung.

Ein Werk Kirchners aus den 1920er-Jahren fehlte bislang.“ „Aus dem Herzen gerissen“ hat es sich die Tochter Ingeborg Henze-Ketterer. Diese nächtliche, in grelles Licht getauchte Figurenszene vor einem erleuchteten Schaufenster war in ihrem Leben ständig präsent. Wie hoch das „Schmerzensgeld“ war, das die Henzes erhielten, darüber schweigen alle Beteiligten. Und sie behalten auch für sich, wer auf wen zuging, um das Bild nach Dresden zurückzubringen oder zurückzuholen. „Seit 2008 wurde um den Ankauf verhandelt, aber niemals um den Preis gefeilscht“, sagte Ingeborg Henze-Ketterer.

Vermutlich dürfte ein einstelliger, mittlerer Millionenbetrag geflossen sein. „Von Anfang an war klar, dass Dresden das Bild bekommt, weil es hierher gehört“, so die Galeristin. Sie und ihr Gatte, der Kirchner-Experte Wolfgang Henze, übten sich lange in Geduld und haben den Kirchner „von Bord genommen, bis Dresden so weit war.“ Henze erinnerte anlässlich der Bildpräsentation ausdrücklich an die hervorragende Dresdner „Brücke“-Ausstellung von 2001 und wünscht sich, dass mit allen Straßenszenen aus Kirchners Spätwerk eine Ausstellung gemacht werden soll – und zwar unbedingt in Dresden.

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Vincent

    Bereits 2013 wurde dieses Bild auf der ART COLGNE für 3,75 Mill. Euro angeboten aber nicht verkauft. Henze & Ketterer ist übrigens kein Privatverkäufer sondern eine Verkaufsgalerie. Mit Herzschmerz hat das wahrlich nichts zu tun, nur mit Geldgier. Da hat sich jemand über den Tisch ziehen lassen. Das nicht hochklassige Spätwerk ist nicht mal eine Mille wert, Vergleichsstücke gingen schon für 375000 Euro weg. Private Stiftungen sind übrigens legale Steuervermeidunggeschäfte. Dem Staat werden dringend gebrauchte Steuern vorenthalten. Dieser Privatverkauf am tatsächlichen Wert vorbei wäre mit einer staatlichen oder öffentlichen Institution kaum möglich gewesen. Da gibt es Kontrollen und Mitspracherecht. Diese Geheimnistuerei über den Verkaufspreis ist übrigens bezeichnend für solche "Schweizer" Geschäfte.

  2. Vincent

    Noch zu den Kriegsverlusten in ostdt. Museen: In der Gurlitt-Sammlung war mehrheitlich entartete Kunst, die aus dt. Museen geraubt wurden. Diese Kunst wurde jedoch von der Gurlitt-Kommision nicht untersucht und wird auch nicht zurückgegeben. Das Museum in Bern darf sich also mit entzogener dt. Museumskunst schmücken. Ich hätte es als fair empfunden, wenn das Kunstmuseum Bern nicht nur private Raubkunst sondern auch entartete und ebenfalls geraubte Museenkunst abgelehnt hätte. Seit Jahrzehnten gibt es in der DDR ein Stillhalteabkommen, nicht an den Ergebnissen des Krieges zu rütteln. Zu groß war die Gefahr, eine rechtliche und moralische Lawine ins rollen zu bringen. Deshalb gibt es auch keine Kläger, die die Gurlitt-Kommission zu berücksichtigen hätte. Lieber verschenkt man tausende dt. Kunstwerke in die Schweiz und Bern hat keine Skrupel dies anzunehmen.

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