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Montag, 10.07.2017

Still und aller Zeit enthoben

Das Kammerorchester Tallinn unter Risto Joost sorgte mit Pärt und Bach in Bautzen für Ergriffenheit.

Von Karsten Blüthgen

Ob es eine langsame Musik sein dürfe, fragte Arvo Pärt, als ihn der Geiger Gidon Kremer vor vierzig Jahren um ein neues Stück bat. Dieser bejahte. Das sich über 25 Minuten ausbreitende „Tabula rasa“ für zwei Violinen, Streichorchester und präpariertes Klavier entstand in fast rauschhafter Schnelligkeit. In einer Zeit, die der 1935 geborene Komponist einem kreativen Schweigen folgen ließ. Beendet wurde es mit dem „Tintinnabuli-Stil“, der Pärt wie eine göttliche Eingebung gekommen sein muss. Der Begriff ist abgeleitet vom lateinischen „tintinnabulum“ (gestimmtes Glöckchen). „Alles Unwichtige fällt weg“, skizziert Pärt seine legendär gewordene kompositorische Handschrift. „Da bin ich alleine mit Schweigen.“ Werke wie „Tabula rasa“ sind zeitlos – im Klang wie in ihrer Inspiration. Daran ließen Geigerin Alina Pogostkina und ihr Kollege Harry Traksmann am Freitag in Bautzen keinen Zweifel. Ihr beseeltes Miteinander, getragen vom Tallinner Kammerorchester, wirkte läuternd. So gespielt, schien die Musik mit etwas Übergeordnetem zu korrespondieren.

Den Dirigenten Risto Joost, Este wie Pärt, durfte das ostsächsische Publikum bereits als inspirierenden Leiter des MDR-Chores erleben, der er seit 2015 ist. Zuvor wurde der heute 37-Jährige zum Chef des jungen, exzellenten Ensembles aus Tallinn ernannt. Dessen hohe Spielkultur ließ Joost unter dem Gewölbe des Bautzener Doms eindrucksvoll zu Klang werden. Bach und Pärt verbanden sich wie seelenverwandte Solitäre, geschliffen und unaufdringlich musiziert. Mit ausgewogen und kontrapunktisch geführtem Streicherklang, wie ihn Bachs Konzerte verlangen. Mit Intensität, die bei Pärts „Silouan’s Song“ bis ins Mark fuhr. Mit bestechenden Einzelleistungen wie jener des Cembalisten Reinut Tepp.

Über allem stand diese knappe halbe Stunde komponierter Stille. „Was ist das für eine Musik!“, schwärmt Wolfgang Sandner im Booklet zur 1984 erschienenen CD „Tabula rasa“, mit der eine kultische Verehrung Pärts im Westen ihren Anfang nahm, die bis heute ungebrochen ist. „Wer so etwas schreiben kann, muss irgendwann einmal aus sich herausgetreten sein, muss die Klaviertöne aus der Erde gegraben und die Flageoletts der Violinen vom Himmel geholt haben.“ Damit das Geschriebene wirkt, müssen auch die Musiker ihre Komfortzone verlassen, müssen Grenzen durchbrechen, sich von Noten und Konventionen lösen.

Dieser Abend sah Bach in vitaler Spielfreude, souverän im Umgang mit den Partituren. Bei Pärt bot er übersinnlich schöne Momente. Hier brachten Joost und seine Mitstreiter das Publikum im Dom zum Schweben und ließen eine besondere, baltische Affinität zu dieser Musik ähnlich einer Muttersprache erahnen, das Solistenpaar eingeschlossen. Pogostkina wurde 1983 in Leningrad geboren, Traksmann ein Jahrzehnt zuvor in Tallinn. Ein einsamer Bravoruf für das unbegreifliche, entrückte Spiel der beiden, mit dem sie in Sphären vordrangen, wo Musik nicht mehr aufhören muss. Mehr Euphorie ließ die kollektive Ergriffenheit nicht zu. Langer Applaus am Ende dieses Programms im Rahmen des MDR-Musiksommers. Mit Bachs „Air“ als Zugabe fand es seine stille Abrundung.

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