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Freitag, 05.02.2016

Sprühende, sprudelnde Ostmoderne

Leoni Wirth war Künstlerin und Architektin. Eine Ausstellung erinnert an ihre Brunnen auf Dresdens Prager Straße.

Von Birgit Grimm

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Ach, war das schön! Ostern 1975 bei den Pusteblumen. Während Leoni Wirths Brunnen auf der Prager Straße heute nur ein Schatten ihrer selbst sind, ist der Glasbrunnen am Pirnaischen Platz noch der alte. Links wahrscheinlich eine Entwurfsskizze mit einer handschriftlichen Notiz.
Ach, war das schön! Ostern 1975 bei den Pusteblumen. Während Leoni Wirths Brunnen auf der Prager Straße heute nur ein Schatten ihrer selbst sind, ist der Glasbrunnen am Pirnaischen Platz noch der alte. Links wahrscheinlich eine Entwurfsskizze mit einer handschriftlichen Notiz.

© SZ/Archiv

  • Ach, war das schön! Ostern 1975 bei den Pusteblumen. Während Leoni Wirths Brunnen auf der Prager Straße heute nur ein Schatten ihrer selbst sind, ist der Glasbrunnen am Pirnaischen Platz noch der alte. Links wahrscheinlich eine Entwurfsskizze mit einer handschriftlichen Notiz.
    Ach, war das schön! Ostern 1975 bei den Pusteblumen. Während Leoni Wirths Brunnen auf der Prager Straße heute nur ein Schatten ihrer selbst sind, ist der Glasbrunnen am Pirnaischen Platz noch der alte. Links wahrscheinlich eine Entwurfsskizze mit einer handschriftlichen Notiz.
  • Wahrscheinlich eine Entwurfsskizze mit einer handschriftlichen Notiz.
    Wahrscheinlich eine Entwurfsskizze mit einer handschriftlichen Notiz.
  • Leoni Wirth im Sommer 2004 bei einer Tierschutz-Protestaktion.
    Leoni Wirth im Sommer 2004 bei einer Tierschutz-Protestaktion.

Für die Planung der 1945 zerstörten Prager Straße in Dresden hatte die SED-Führung in den 1960er-Jahren zwei Maßgaben: Optimistisch und lebendig sollte diese schnurgerade Verbindung vom Hauptbahnhof zum Altmarkt wirken, über die viele Dresden-Besucher das Stadtzentrum eroberten. Das Thema Völkerfreundschaft kam wohl erst später ins Spiel. Jedenfalls wurde die gleichnamige abstrakte Stahlfigur des Bildhauers Wolf-Eike Kuntsche erst 1986 aufgestellt.

Dresden gab sich modern. Mit einem Architekturwettbewerb wurde der Wiederaufbau der Prager Straße 1962 eingeläutet. Natürlich nicht ohne Debatte. Während einige Architekten für den originalgetreuen Aufbau plädierten, lehnten andere diese Vorstellung ab und setzten eine komplette Neubebauung durch mit Grünflächen, Blumenbeeten und Wasserspielen. Zwischen 1965 und 1978 entstand in Dresden nach dem Vorbild der Rotterdamer Lijnbaan eine der ersten Fußgängerzonen in Deutschland. Deren Bild prägten ein 330 Meter langer Block mit 614 Wohnungen und ihm gegenüber in gebührendem Abstand drei Hotels. Weite statt Enge. Großzügigkeit statt Kleinkariertheit. Für die Atmosphäre dazwischen sorgten die spiralförmig bepflanzten Rabatten, das abwechslungsreiche Pflaster. Beliebter Rastplatz beim Stadtspaziergang und ein Motiv in fast jedem Dresdner Familienalbum waren Leoni Wirths Brunnen: der Schalenbrunnen und vor allem die Pusteblumen mit den Pilzen.

Bäume mit gläsernem Blattwerk

Ein dritter, der Glasbrunnen, sollte am Hauptbahnhof aufgestellt werden, fand aber 1975 seinen Platz auf der Südostecke des Pirnaischen Platzes an der Grunaer Straße. Dort wird er bis heute gehegt und gepflegt. Im Beckengrund aus Mosaikfliesen wachsen archaische Bäume mit gewaltigen gläsernen Blättern. Leoni Wirth wollte für diese Blätter den Zufall auf die Spitze treiben und große Glasquader vom Carl-Zeiss-Hochhaus in Jena werfen. Diese Aktion wurde nicht genehmigt. Sie nahm die Brocken dann direkt aus der Schmelze und veredelte ein extrem haltbares Abfallprodukt der Glasherstellung. Nur wenige Teile mussten in vier Jahrzehnten ausgetauscht werden. Die Bauausführung übernahmen der Glaser Helmut Kappelt und der Kunstschmied Karl Bergmann, der auch die Pusteblumen, Pilze und Schalen für die Prager Straße herstellte. Heute steht dort nur noch eine spärliche Erinnerung an Wirths grandiosen Brunnen. Komplett sprühen die Pusteblumen und sprudeln die Pilzköpfe nun in Dresden-Prohlis am Albert-Wolf-Platz. Karl Bergmann hat sie 2008 noch einmal hergestellt. Leoni Wirth war damit nicht einverstanden.

Wer war diese Leoni Wirth?

Die Dresdnerin vom Jahrgang 1935 war nicht gerade das, was man eine Staatskünstlerin nennt. Sie verstand sich als Stadtgestalterin, als Bildhauerin im Stadtraum. Zunächst studierte sie Architektur an der Technischen Hochschule Dresden und wechselte nach dem Vordiplom 1954 an die Hochschule für Bildende Künste. Dort studierte sie fünf Jahre Plastik bei Walter Arnold und Hans Steger. Der charakterisierte sie als eine „widerspruchsvoll sich bewegende und schwer zu beeinflussende“ Person. Ihr Diplom, die Figur „Junge mit Kalb“, passt in die Zeit und fällt politisch nicht aus dem Rahmen. Eine solide Arbeit, die Professor Steger allerdings nur mit der Note Drei bewertete. Aber wie kam eine solche Künstlerin an einen so wichtigen Auftrag wie die Prager Straße? Selbst für den Kunsthistoriker und Journalisten Torsten Birne, der sich seit den frühen 90er-Jahren mit DDR-Architektur in Dresden beschäftigt, bleibt diese Auftragsvergabe ein Rätsel. „Bis jetzt haben wir keine Unterlagen dazu gefunden“, sagt er. Sollte es tatsächlich so gewesen sein, dass politische Fragestellungen keine Rolle bei der Ausgestaltung der Prager Straße spielten, müsste Wirth zumindest starke Fürsprecher gehabt haben.

Gemeinsam mit Kunsthaus-Chefin Christiane Mennicke Schwarz und mit Kunstfond-Chefin Barbara Tlusty holte Torsten Birne Leoni Wirth aus der Versenkung und richtete ihr im Kunsthaus postum die erste Ausstellung ein. Zu Lebzeiten hat die Künstlerin nicht ausgestellt. Zeitgenossen meinen, das könnte daran gelegen haben, dass Leoni Wirth konsequent ihre Ideen vertrat. Eine unbequeme Frau, die sich auch nicht abschrecken ließ, wenn man ihr immer wieder neue Entwürfe zum selben Projekt abverlangte.

Im zeitgenössischen Kontext

Hans Wirth, ihr Sohn, übergab den Nachlass an den Kunstfonds des Freistaates Sachsen. Sechshundert Blätter, zahlreiche Modelle und zwei größere Skulpturen. Unter den Blättern sind Entwurfszeichnungen, Selbstporträts, florale Motive, Gartenansichten, Collagen. Meist sind sie undatiert. Die Künstlerin, die 2012 starb, hinterlässt einige Rätsel. Im Kunsthaus zu sehen sind Modelle und Skizzen mit handschriftlichen Notizen zur Realisierung und Material der Skulptur. Das verrät etwas über die Arbeitsweise von Leoni Wirth. Die Formen ihrer Brunnen und Skulpturen kommen aus der Natur, sind aber kein direktes Abbild von Pflanze, Tier, Landschaft. „Organische Abstraktion“ nennt Torsten Birne das.

Im Kunsthaus wird Leoni Wirth von sechs internationalen zeitgenössischen Künstlern flankiert, die abstrakt arbeiten, aber sonst nichts weiter mit ihr zu tun haben. Der Kontext ist gut gewählt, um eindrücklich zu zeigen, wie modern das Schaffen von Leoni Wirth war und ist.

„Ortstermin mit Leoni Wirth“ bis 6. März, Kunsthaus DD, Rähnitzgasse 8, Di – Do 14 – 19 Uhr, Fr - So 11 – 19 Uhr. Eintritt frei. Jeden Freitag, 16.30 Uhr Führung.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 11 Kommentare

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  1. Conny

    Wenn schon Lijnbaan, dann doch eher als Vorbild für die alte neue Webergasse, oder? Doch die gibts ja nicht mehr... Und - auch in Bezug auf den "abgemagerten" Pusteblumenbrunnen auf der Prager Straße - finde ich manch nachwendische Bilderstürmerei schon gruselig.

  2. Axel

    Ja, Damals hatte die Prager Straße noch etwas von Gemütlichkeit! Viel Grün und die Springbrunnen - Ein Platz zum Wohlfühlen; jede Menge Gaststätten mit Freiluftbereich. Und heute? Eine Betonrennstrecke für wild gewordene Fahrradrowdies auf der man als Fußgänger aufpassen muss, dass man nicht über den Haufen gekarrt wird. Die Blumenbeete wurden wegrationalisiert und die neuen Brunnen sind potthässlich. Augen zu und ganz schnell durch.

  3. V

    Pusteblumen von Leoni Wirth? Als Kind habe ich oft Dresden besucht und die Pusteblumen der Prager Strasse immer als ein Original der Stadt angesehen. Bis ich irgendwann mal vor einer anderen Pusteblume stand. Ganz am anderen Ende der Welt, in Sydney. Die "El Alamein Fountain" in Kings Cross wurde 1961 fertiggestellt und stammt von Phill Taranto. Leider zweifele ich seitdem sehr an der Originalität der Arbeit der Künstlerin.

  4. Berg

    Es war zur Nachwendezeit das unabwendbare Siegesgetaumel der passionierten DDR-Gegner, möglichst viele Relikte aus 40 Jahren Dresdner Stadtgeschichte erst in Verruf zu bringen (Platte, Fresswürfel), umd sie dann entfernen lassen zu können. Mauern-Opfer sind aber noch besser als Mauertote.

  5. RU

    Die Brunnen in der Prager Straße waren ein schönes Stück des neuen Dresdens. Der Arroganz einiger neuer Politiker in Dresden sind sie zum Opfer gefallen, wie so manches andere Gute und Nützliche auch, was inzwischen als "neue Neuerung" teilweise wieder eingeführt wurde. Wir sollten auch nicht vergessen, dass Dresden nach der Wende für den Wegfall der Brunnen einige primitiv hässliche Bauwerke erhalten hat, wie z.B. die Feuertreppe am Landhaus beim Pirnaischen Platz oder am Postplatz das "Filigrane Schmetterlingsdach" über den Haltestellen, wie es angepriesen wurde. Daran werden wir uns noch viele Jahre "erfreuen" dürfen.

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