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Samstag, 18.11.2017

Spione der Staatskapelle

Sachsens Renommierorchester zögert noch mit einem Konzert im Dresdner Kulturpalast. Doch die Musiker testen privat längst den neuen Saal. Jetzt sogar in Band-Größe.

Von Bernd Klempnow

Dresdens Kapellsolisten auf neutralem Boden: der Terrasse des Kongresszentrums. Ihre Heimat ist die Semperoper. Mit ihrem Konzert im Kulturpalast bringen sie die Kapelle in deren alte Spielstätte zurück und starten eine neue Kammerorchesterreihe.
Dresdens Kapellsolisten auf neutralem Boden: der Terrasse des Kongresszentrums. Ihre Heimat ist die Semperoper. Mit ihrem Konzert im Kulturpalast bringen sie die Kapelle in deren alte Spielstätte zurück und starten eine neue Kammerorchesterreihe.

© Frank Höhler

Eine Uraufführung von Robert Schumann steht an – und eine besondere Premiere. Wenn in der nächsten Woche mit den „Waldszenen“ der genial-berühmte Klavierzyklus im Dresdner Kulturpalast erklingt, dann erstmals ganz neu. Der Pianist Andreas Boyde, einst ein Dresdner Wunderkind, längst in London reüssierend, hat „diese programmatische Wanderung durch imaginäre Landschaften“ für Orchester bearbeitet. „Diese Fassung soll die Schumann’sche Vielschichtigkeit vertiefen und den Zeitgeist der deutschen Romantik mit allen Zwischentönen zum Leben erwecken“, so Boyde. Das klingt interessant, gelten doch die „Waldszenen“ als ein Schlüsselwerk in der Musik des 19. Jahrhunderts.

Dennoch: Die Neuentdeckung der 1848/49 in und um Dresden entstandenen Kompositionen ist nicht das eigentlich Ungewöhnliche des Konzertes. Der Clou ist: Als Orchester agieren die Dresdner Kapellsolisten. Sie tun es zwar als privates Ensemble unter ihrem Chef, dem Kammervirtuosen und „Echo“-Preisträger Helmut Branny. Trotzdem sind es aber die Musiker der Sächsischen Staatskapelle, deren Leitung vehement den Umbau des Kulturpalastes abgelehnt hat. Lange hoffte beispielsweise Orchesterdirektor Jan Nast auf ein neues, eigenständiges Konzerthaus am Elbufer.

Und Chefdirigent Christian Thielemann wurde 2013 während des Palastumbaus vom Veranstaltungsmagazin Dresdner zitiert, dass ihm zwar bewusst sei, dass der Kulturpalast für einige eine „heilige Kuh ist“. Gleichwohl deutete er an, ein Abriss des DDR-Baus wäre ihm lieber gewesen: „Jetzt, wo die Altstadt daneben wiederersteht, könnte ich mir ja fast radikale Lösungen vorstellen.“ Wohl wurden die Töne zu dem Haus, in dem die Kapelle von 1969 bis 1992 ihre Konzerte gegeben hatte, im Laufe der Jahre versöhnlicher. Kurz vor der Eröffnung des Palastes sagte Thielemann: „Es ist Tradition bei der Staatskapelle, dass die Sinfoniekonzerte in der Semperoper stattfinden. Wir haben vor nicht allzu langer Zeit für viel Geld neue Konzertzimmer machen lassen. Die Semperoper als Konzertraum ist so deutlich aufgewertet worden. Das schließt nicht aus, dass wir auch mal im neuen Kulturpalast auftreten.“

Inzwischen haben Orchester wie die Dresdner Philharmonie und Spitzenklangkörper aus aller Welt bei Gastspielen zu den Musikfestspielen bewiesen, welch akustisch feiner Saal entstanden ist. Ganz anders als der dumpfe, die Musik mehr verschluckende als reflektierende alte Saal.

Jüngst erst zauberten hier Könner wie der (Staatskapellen-Ehren-) Dirigent Herbert Blomstedt und der Berliner Kapellenchef Daniel Barenboim brillante Klänge in ihm. Vergangene Woche fühlte sich Geigerin Anne-Sophie Mutter von der hervorragenden Akustik neu beflügelt. Tage zuvor bewies Pianist Peter Rösel, dass der Raum ideal auch für intimes Musizieren ist.

Nur die Kapelle hält sich weiter bedeckt. „Es gibt bisher keinen Termin für ein Konzert oder eine Veranstaltung der Staatskapelle im Kulturpalast“, sagt der auch für solche Kooperationen zuständige Künstlerische Betriebsdirektor der Dresdner Philharmonie Martin Bülow. Dabei hätte man versucht, die Kapelle stets ins Baugeschehen einzubinden und halte beispielsweise in den Garderoben eine Doppelstruktur vor. „Die Kapelle kann jederzeit, wenn Termine frei sind, wieder im Kulturpalast arbeiten. Wir sind da flexibel.“

Auch Bülow weiß: Die Kapelle ist längst anwesend. Einzelne Musiker wie der Konzertmeister der 2. Geigen und Kammervirtuose Reinhard Krauß sitzen regelmäßig und begeistert als Gäste auf dem Podium von Philharmonie-Konzerten. Krauß spielte sogar die Eröffnungskonzerte im April mit. Kollegen haben sich als Besucher von der neuen Qualität des Saals überzeugt.

Auch Helmut Branny tat das. Er bringt nun mit den Kapellsolisten gleich eine Band von 35 Virtuosen in den Saal, voller Vorfreude. „Ich kenne über unsere Tourneen viele gute Säle in der Welt. Der Dresdner in seiner Exzellenz gehört dazu. Ich freue mich riesig auf das Konzert in ihm und neue Töne für uns in Dresden.“

Mit dem Solisten-Konzert wird jeder fünfte Kapellmusiker im Palast gespielt haben. Und hinterher erneut bestätigen, was alle wissen: Die Semperoper ist als Opernhaus akustisch Weltspitze. Im Konzertleben ist sie nur für ein bestimmtes Repertoire tauglich. Und für wichtige Werke der Orchestergötter wie Gustav Mahler und Dmitri Schostakowitsch ist der Raum trotz der Konzertzimmer ungeeignet.

Konzerttipp: Die Dresdner Kapellsolisten und Pianist Andreas Boyde spielen Mozarts A-Dur-Sinfonie, Schumanns „Waldszenen“ in einer Orchesterfassung sowie Dvoraks Klavierkonzert g-Moll am 26. 11., 19.30 Uhr, Kulturpalast; Kartentel. 0351 4866866

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