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Dienstag, 14.02.2017

So scheußlich, so schön

Das soll die Kasse zahlen: „Der eingebildete Kranke“ vom Wiener Burgtheater springt so verrückt über Dresdens Bühne, dass einem das Herz flackert.

Von Rafael Barth

In dieser Gesellschaft muss man ja krank sein. Herr Argan (Joachim Meyerhoff, Mitte) quält sich wieder sehr.
In dieser Gesellschaft muss man ja krank sein. Herr Argan (Joachim Meyerhoff, Mitte) quält sich wieder sehr.

© Reinhard Werner/Burgtheater

Meter für Meter schiebt er sich rücklings über den Boden in zügigem Tempo. Wieder auf den Beinen, lässt er sich zu Sprüngen hinreißen oder die Hüften kreisen wie Elvis. Wenn er wütend ist, schneidet er mit dem Gehstock durch die Luft und droht der Tochter Dresche an. Nein, wenn man Herrn Argan sieht, kommt man nicht darauf, ihm könnte ernsthaft was fehlen. „Er geht, schläft, isst und trinkt wie jeder andere“, sagt sein Dienstmädchen Toinette. „Aber dessen ungeachtet ist er eben sehr krank.“

Was hab ich, und wenn ja, wie stark? Das ist die Frage, die sich „Der eingebildete Kranke“ seit bald dreieinhalb Jahrhunderten stellt. So lang ist es her, dass Molière seinen krankhaften krank sein wollenden Argan in die Welt warf, auf dass er aufgefangen würde von der ach so menschendienlichen wie geldlieblichen Ärzte- und Apothekerschaft. Der französische Dramatiker starb 1673 nach der vierten Vorstellung infolge eines Blutsturzes. Seine Komödie aber hat, weil sie Tod und Gebrechen so herzerfrischend leicht behandelt, bis heute überlebt. Am Wochenende hat das Wiener Burgtheater seine höchst witzige Edeltrash-Inszenierung in Dresden aufgeführt, und das Schauspielhaus war zweimal randvoll, trotz Grippeepidemie. (Falls die nicht sowieso eingebildet ist.)

Ja, diese schönen Scheußlichkeiten sieht man absolut gern. Kostümbildnerin Victoria Behr hat einen Rausch aus Rüschen gezaubert, aus Plissees, Schleifen, falschen Locken, Haartollen. Der Aufputz zitiert die alte Zeit und betont die Künstlichkeit des Personals, das Eingemummeltsein in die eigenen Fantasien. Die Riesenröntgenbilder auf der Bühne machen deutlich, dass es für Argan nur ein Thema gibt.

Preiswürdige Akrobatik

Argan will einen Heiler im Haus haben, just einen extratrotteligen Arzt soll die eigene Tochter heiraten. Obwohl die einen ganz anderen Mann will. Das gibt feinstes Kuddelmuddel. Wenn etwa die wahren Liebenden sich vor allen anderen singend ihrer Gefühle versichern, geschieht das hier als böse Persiflage einer chinesischer Oper. Vater Argan tritt an die Rampe und gibt den pikierten Zuschauer, wie er ganz real auch im Saal sitzen könnte: „Das war für mihihich – kein Theater.“

Die Rolle des eingebildeten Kranken füllt Joachim Meyerhoff wunderbar. Es ist derselbe Meyerhoff, der mit Büchern wie „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ viele Fans fand. Im Dresdner Theater gewinnt er die Zuschauer, weil er bietet, was man sich von einem Schauspieler wünscht: Wachheit im Moment, Mitdenken der Gegenwart, egal, wie alt das Stück ist. In Schach gehalten wird dieser Argan durch sein Dienstmädchen Toinette. Dass die Rolle mit einem Mann, mit Markus Meyer, besetzt ist, gibt der selbstbewussten Strippenzieherin zusätzlichen Witz.

Genau dafür sind die Inszenierungen von Herbert Fritsch bekannt: schräger Humor, immer wieder Tempo, kluge Brillanz. Selbst wenn es hie und da ein Kalauer, eine Sauerei zu viel war, weiß man doch: Man kommt immer wieder oben an. Fritsch war einst selbst Schauspieler bei Frank Castorf an der Berliner Volksbühne. Seit nunmehr zehn Jahren befreie er Schauspieler „zum hemmungslosen Grimassieren, kunstvollen Chargieren und zu haarsträubender Slapstickakrobatik“, lobt die Jury des Theaterpreises Berlin, den Fritsch im Mai bekommt.

Die Krankenkassen sollten ihren Mitgliedern den Besuch einer solchen Vorstellung bezahlen. So könnten sie Geld sparen. Denn die restlose Aufklärung über Ärzte verhindert, dass Menschen überhaupt erst zu Patienten gemacht werden. Und Lachen ist noch immer das bessere Aspirin.